Von Karl Krolow

Die Besinnung darauf, daß einst Tasso im „Befreiten Jerusalem“ sie von einer schönen Zauberin erschaffen ließ, scheint demjenigen, den ihr ganz geisterhafter Boden je und je berückt, nicht bedeutungsvoller als die Erinnerung daran, daß etwa Arkadien als Abbreviatur einer vom Gemüt ergriffenen seelischen Landschaft im ersten vorchristlichen Jahrhundert von dem Römer Vergil in seinen Eklogen „entdeckt“ worden ist. Als ein Land, das es nirgendwo gibt, haben sie einzig Herbergsrecht für Geschöpfe ähnlicher Art, für alles Schwindelerregende und Fabelhafte, für Dinge von hoher Unwirklichkeit, für schätzehütende Drachen und Einhörner, für alles Hieroglyphische und Wunderbare endlich, das von Gebilden der Kunst ständig ausgeht und sich in einem Räume verteilt, der von ihnen umschlossen ist.

So ist es denn vorzüglich der Künstler gewesen, der von ihnen angezogen ward. Und es will scheinen, als wenn die Armida gerade für ihn entworfen hätte, was ihn so stark bezaubert.

Nicht wenige sind in Armidens Gärten aufgenommen worden; und Watteaus „Einschiffung nach Cythera“ ist gewiß nur ein besonders beredten Ausdruck für eine Ergriffenheit gewesen, die dem einen im Gedicht, dem anderen bei Öl und zarten Tinten, dem dritten in der Andacht und Geduld zu einer Musik zuteil wurde.

Noch freilich lag für lange das Reich Armidens eher hinter blütenhafter Grazie verborgen, erschloß sich zuweilen auf skurrilem Umwege, schien etwa in einem der unbegreiflich mühelosen, feingliedrigen Randeinfälle auf einer von Chodowiecki geätzten Platte blitzlichthaft gegenwärtig zu werden, bevor es sich in den Landschaften der großen französischen Maler des 19. Jahrhunderts auftat und bei Barbizon, Argenteuil und Aix unversehens auf die von vibrierendem Licht überschüttete französische Erde herabgezogen wurde, um in einem „Wind von Farbe“ aufs neue entrückt zu sein. – Aber man begreift, wie nahe sie ihm waren, wenn man Manets breite Licht- und Schattenflächen gewahr wird, in denen Helle und Dunkel nebeneinandergesetzt sind, ohne Zulassung.der Mitteltöne! In der einsamen malerischen Leidenschaft Cézannes glaubt man ihrer habhaft zu werden, bis man gerade bei ihm erfährt, daß sie – dämonisch, wie unter phantastischem Zwange erschaut – irrational bleiben, eben in jenem Lande beheimatet, das es nicht gibt und durchaus unter Fabelwesen und Chimären. Hinter der Dorfstraße von Aix, hintern Bahndurchstich und der Marnebrücke bei Creteil beginnt die Zauberlandschaft eines Geistes, der sich für die Dauer und für die Umwelt auch vom Pathos der Anstrengung nicht aufdecken läßt.

Sie blieb so die Landschaft des schöpferischen Augenblicks, des Moments, in dem die intuitiven Kräfte einer Individualität zusammenschießen und eine Begabung ihren Sinn in einem jener Geschöpfe erkennt, die fortan ein höchst gebrechliches, artifizielles Leben führen, das Leben des Einhorns und der in einem Wandteppich gewebten Blume. Derart dunklen Konturs und vieldeutigen Charakters, ist es ein Land, das da und dort aus der Imagination gewonnen und unablässig im Inneren bedeutender Naturen erweitere oder erneuert, unsichtbar uns auferlegt ist und das gewöhnliche Leben spiritualisiert, es jedenfalls fähig macht, gewissermaßen nachträglich an den Erschütterungen teilzunehmen, die es dem Künstler bei seinem Eintritt bereit halten kann.

Freilich wird der Zeitgenosse oder Nachfahr mit Beklommenheit darangehen, die Abbilder der Chocs und Überfälle, alle Spuren von erhörter Geduld, von Heiterkeit und Schmerz nachzuziehen, unter denen sich Armidens Gartenländer auftaten.