Kleine Liebe zu Reiseprospekten

Von Karl N. Nicolaus

Mit den Friedens-Tauben ist es so eine Sache. Meist sehen sie aus wie Sperlinge in der Mauser, die gerade den Zähnen eines hungrigen Fuchses mit Mühe entronnen sind. Neuerdings bessert sich aber die Qualität der Friedenstauben erheblich. – So sei es mir denn erlaubt, den bunten Werbeprospekt, der mir von der Kurverwaltung eines Badeortes auf den Tisch flatterte, als eine solche „Friedenstaube“ zu werten. Nein, er flatterte nicht von selbst herbei, sondern er tat es auf Anforderung. Ich wandte mich auf eine Anzeige hin an die Kurverwaltung, um mich nach den Unterbringungsmöglichkeiten zu erkundigen und erwartete einen dürren Antwortbrief. Was ich statt dessen erhielt, war ein Mittelding zwischen Gemälde und Gedicht, aus dem ich aber alles ersehen kann, was ich wissen wollte: kulante Bedienung, saubere Zimmer, präzise Mahlzeiten.

Ich habe eine alte Liebe zu solchen Prospekten, – nicht weil sie das jeweilig angepriesene Fleckchen Erde so ungeniert durch eine rosarote Brille sehen, sondern weil mir die stimulierende Wirkung von Vierfarbendrucken dieser Art schon früh klar wurde. Sie haben jene beglückende Wirkung, die auch dem Nikotin und dem Koffein innewohnt. („Euphorisch“ nennt man wissenschaftlich diese Wirkung, und das Hauptwort dazu heißt Euphorie gleich Wohlbefinden). – Solche Prospekte gehören in die Kategorie der Zauberdinge, mit denen man dem Grau im Grau des Alltags erfolgreich zu Leibe gehen kann.

Und ich erinnere mich an geradezu grandiose Prospekte von früher, mit denen man regelrecht flirten konnte wie mit Damen aus Fleisch und Blut So entsinne ich mich der Titelseite eines Prospektes voll praller Sonne nebst einem azurnen See, auf dem eine sagenhaft schlanke Dame hinter einem Rennboot souverän ein grandioses Wellenreiten durchführte. „Souverän“, „grandios“, „sagenhaft schlank“ – abgebrauchte Begriffe gehören „um Wesen der Sache.

Ich habe dann diesen See aufgesucht. Vierzehn Tage habe ich gegrübelt, aus welcher Perspektive der sehr begabte Reklamezeichner jenes Wellenreiten porträtiert haben könnte. Ich suchte und suchte und erholte mich gut dabei. Schließlich beruhigte mich ein alter Mann, daß so ein Wellenreiten vor Jahren einmal stattgefunden habe, daß aber das Motorboot, das dazu benötigt wird, lange kaputt sei. Nun grübelte ich nicht mehr und erholte mich noch besser.

Auch gestehe ich, daß ich die sommerlichen Prospekte von See- und Sonnenbädern eifrig aufbewahrte, um im Winter in ihnen zu blättern. Denn sie sind so hemmungslos optimistisch, und lassen mich immer wieder erschauern bei der Vorstellung, wie schön die Welt wäre, wenn sie uns in Vierfarbendrucken erschiene.