Seitdem nun die Stahltreuhänder ernannt sind, da ja das Zweimächtekontrollamt die Mitte März veröffentlichte Liste als endgültig bestätigt hat, wird organisatorisch die Möglichkeit des Neubaues der Stahlindustrie geschaffen. Die Reaktion auf die „Liste der zwölf Apostel“ ist, wie nicht anders zu erwarten, stark unterschiedlich. Die Gewerkschaftsseite lobt den Entscheid – hat sie ja auch praktisch fast die Mehrheit auf ihrer Seite – die betroffene Industrie schwankt zwischen Skepsis und schroffer Ablehnung. Nicht recht glücklich erscheint uns die Zusammensetzung des Treuhändergremiums bezüglich der Berufungen nach dem Prinzip: Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen. Die personelle Lösung trägt den Stempel des Kompromisses, nach allen Seiten.

Auffällig ist, daß von den Altkonzemen, die nach wie vor einen großen Teil der Produktion ausmachen und in ihren Produktionszahlen höhere Werte erreichen als die ausgegliederten Werke, nur ein Vertreter vorhanden ist, daß ferner von den eigentlichen Besitzern der Eisen- und Stahlindustrie, zu denen nicht zuletzt mehrere hunderttausend Aktionäre aller Vermögensklassen gehören, keiner vorhanden ist, obwohl das Treuhänderkollegium praktisch nach den Weisungen der Besatzungsmächte den „Betriebsinhaber Eisen und Stahl“, also der „Besitzer“ spielen soll. Die Gewerkschaften haben sogleich angekündigt, daß nun, nachdem der Angriff der amerikanischen Interessenten, auf dem Wege der freien Unternehmerwirtschaft die Eisen- und Stahlindustrie in Westdeutschland wieder zu verselbständigen, mit großem Erfolg abgeschlagen worden ist, die Sozialisierung beginnen kann und der Plan einer Neuordnung nach ihren Auffassungen zu starten ist. Daß sich diese Pläne auf eine starke Gruppe politischer Vertreter stützen wird, ergibt die Zusammensetzung des Kollegiums. Wieweit nun die ernannten Männer. Treuhänder für die Eisen- und Stahlindustrie oder Treuhänder für politische Auffassungen über die Eisen- und Stahlindustrie werden, wird sich herausstellen. Uns scheint in mancherlei Hinsicht die Skepsis berechtigt, wenn wir auch grundsätzlich die Regelung begrüßen, damit nun endlich wiedereine Ordnung in das durch Entflechtungen und widersprechende Gesetze gestörte Gleichgewicht der produktiven Kräfte hineinkommen möge.

Von den zwölf Treuhändern wäre zu berichten, daß die Herren Dr. Deist, Dr. Potthoff, Landesrat Meier und Oberbürgermeister Geldmacher die gewerkschaftlichen Belange unmittelbar vertreten. Dr. Deist hat sich wiederholt durch Gutachten über Kohle und Eisen bekanntgemacht. Landesrat. Meier war viele Jahre gewerkschaftlich tätig und ist seit einiger Zeit in Aufsichtsräten entflochtener Hüttenwerke. Dr. Menge, von Haus Jurist, war zeitweilig Bürgermeister von Hannover und hat die Interessen von Niedersachsen (Reichswerke) im Treuhänderkollegium wahrzunehmen. Dr. Barich, Direktor des entflochtenen Hüttenwerkes Geisweid, gilt als sehr verbindlich zu den Gewerkschaften, ebenfalls Dinkelbach, der bisherige Chef der Treuhandverwaltung und Mittelsmann zur britischen Militärregierung. Dr. Monden kommt aus Schlesien über Silesia-Hütte, IG Kattowitz, und ist stellvertretender Leiter des früheren Verwaltungamtes für Stahl und Eisen gewesen. Professor Wagener, bei Rheinstahl und der Duisburger Kupferhütte zeitweilig tätig, hat sich vorwiegend bergbau-wissentschaftlich betätigt und bekleidete bis 1943 den Generaldirektorposten bei Oberhütten; zuletzt hatte er einen Lehrstuhl an der Technischen Hochschule in München und gilt jetzt als Vertrauensmann Bayerns. Direktor Harders kommt aus dem Forschungsinstitut des Stahlvereins und ist zur Zeit technisches Vorstandsmitglied der entflochtenen Hüttenwerke Heerde. Von den Altbesitzern ist nur der Klöckner-Direktor Dr. Henle auf der Liste, als Finanzmann Bankier v. Falkenhausen, der viele Jahre als rechte Hand von Mosler bei der Deutschen Bank in Berlin tätig war. R.