Es mußte etwas geschehen. Die ägyptische Polizei hatte versagt. Maspéro mußte der neuen Räuberei selber auf die Spur kommen. Das Ergebnis mehrerer im engsten Kreis geführter Besprechungen war die Entsendung eines seiner jungen Assistenten nach Luxor.

Dieser Assistent benahm sich vom. Augenblick an, da er das Nilschiff verließ, völlig anders als gemeinhin ein Archäologe. Er quartierte sich im selben Hotel ein wie der Amerikaner, der den Papyrus erstanden hatte. Und dann streifte Tag und Nacht ein reicher junger „Franke“ durch alle Gassen und Winkel des Bazars, klimperte mit Geld, kaufte diese oder jene Kleinigkeit, bezahlte großzügig. Kam er mit den Händlern in vertrauteres Gespräch, so gab er gute Trinkgelder, doch genau dosiert, um keinen Verdacht zu erregen. Er erhielt immer neue Angebote von „Altertümern“ aus der modernen Heimindustrie. Aber der junge Mann, der in diesem Frühling des Jahres 1881 durch Luxor streifte, ließ sich nicht betrügen. Die konzessionierten Händler hatten das bald ebenso erfahren wie die „wilden“. Der Fremde stieg in ihrer Achtung, und Achtung weckt Vertrauen. Eines Tages winkte ihm ein Händler, der vor dem Tor seines Gewölbes hockte. Und dann hielt der Assistent des „Ägyptischen Museums“ eine kleine Statue in der Hand. Er konnte sich beherrschen und machte ein völlig unbeteiligtes Gesicht. Er hockte sich mit dem Händler auf die Matte und begann zu feilschen. Dabei drehte er die kleine Statue in der Hand und wußte: Sie ist nicht nur ein echtes Stück, fast dreitausend Jahre alt, sondern sie ist – die Inschrift ließ es erkennen – die Beigabe eines Grabes der XXI. Dynastie!

Meineide am laufenden Band

Das Feilschen dauerte lange. Schließlich kaufte der Assistent die kleine Arbeit. Aber er äußerte sich abfällig. Er ließ durchblicken, daß er Größeres suche, Wertvolleres. Und noch am selben Tage machte er die Bekanntschaft eines hochgewachsenen, in den besten Jahren stehenden Arabers. Abd-el-Rasul nannte er sich. Er war das Oberhaupt einer weitverzweigten Familie. Und als der junge Assistent mit ihm das Gespräch einige Tage lang fortgeführt hatte, als ihm dieser Araber nach erneuter Zusammenkunft endlich noch andere Grabbeigaben, diesmal aus der Zeit der XIX. und XX. Dynastie, zeigte, ließ er ihn verhaften! Er war überzeugt, den Grabräuber gefunden zu haben!

Abd-el-Rasul wurde mit mehreren seiner Angehörigen vor den Mudir von Kene gebracht. Da’ ud Pascha leitete persönlich das Verhör. Aber unzählige Entlastungszeugen marschierten auf. Alle Bewohner des Dorfes, das Abd-el-Rasuls Heimat war, beschworen seine völlige Unschuld, ja, die Unschuld der ganzen Familie, die zu den ältesten und geaditetsten der Gemeinde zähle. Der Assistent, völlig überzeugt von der Richtigkeit seiner Anklage, hatte bereits nach Kairo telegraphiert und den Erfolg gemeldet. Jetzt mußte er sehen, daß Abd-el-Rasul mit seinen Angehörigen mangels Beweisen freigegeben wurde. Er beschwor die Beamten, sie zuckten mit den Schultern. Er ging zum Mudir. Der aber sah ihn erstaunt an, wunderte sich über die Ungeduld der „Franken“ und sagte, er möge warten.

Der Assistent wartete einen Tag, dann noch einen. Er wurde krank über der zehrenden Ungewißheit, krank vor der orientalischen Ruhe des Mudirs. Der aber kannte seine Leute. Howard Carter gibt die Erzählung eines seiner ältesten Arbeiter wieder. Der war in seiner Jugend als Dieb gefaßt und vor den Mudir geschleppt worden. Seine Angst vor dem strengen Da’ud Pascha war groß, aber sie wurde gepaart mit dem Schrecken der Unsicherheit, als er statt vor ein richterliches Forum in das Privatgemach des Paschas gebracht wurde, der sich, es war an einem glühheißen Tage, in einer großen irdenen Badewanne in kühlendem Wasser räkelte.

Da’ud Pascha sah ihn an, er tat weiter nichts als ihn ansehen, aber der alte Arbeiter berichtete, noch nach vielen Jahren beeindruckt: „...und als seine Augen durch mich hindurchdrangen, fühlte ich, wie meine Knochen in mir zu Wasser wurden. Dann sagte er ganz ruhig zu mir: ‚Dies ist das erstemal, daß du vor mir erscheinst; du bist entlassen, aber nimm dich sehr, sehr in acht, daß du nicht zum zweiten Male kommst; und ich war so in Schrecken gebracht, daß ich meinen Beruf wechselte und nie wiederkam!“