Diese Autorität Da’uds – sicher gestützt durch schreckliche Maßnahmen, wenn sie allein nicht ausreichte – trug Früchte, die der junge Assistent, der zu dieser Zeit fiebrig auf dem Krankenbette lag, nicht mehr erwartet hatte. Einen Monat später nämlich ging einer der Verwandten und Komplizen Abd-el-Rasuls zu Da’ud und legte ein umfassendes Geständnis ab. Neue Verhöre begannen. Und es stellte sich heraus, daß ganz Kurna, das Heimatdorf Abdel-Rasuls, ein Dorf von passionierten Grabräubern war. Das Gewerbe hatte sich von den Vätern auf die Söhne vererbt, es blühte seit undenklichen Zeiten, wahrscheinlich in ununterbrochener Kette seit dem 13. Jahrhundert vor Christus! Eine solche Räuberdynastie hatte es auf der Welt kein zweites Mal gegeben!

Der größte Fund, den diese Dynastie je gemacht, war das Sammelgrab von Der-el-Bahari. Im Fund und in der Plünderung dieses Grabes paaren sich Zufall und Systematik. Sechs Jahre zuvor, 1875, hatte Abd-el-Rasul in dem Felsmassiv, das sich zwischen dem „Tal der Könige“ und Der-el-Bahari erhebt, rein zufällig eine verborgene Öffnung entdeckt. Als er sie unter mancherlei Schwierigkeiten untersuchte, fand er, daß er auf eine geräumige Grabkammer mit Mumien gestoßen war. Schon die erste Prüfung sagte ihm, daß hier ein Schatz zu heben war, der ihm und seiner Familie eine Rente auf Lebenszeit geben konnte – wenn es möglich war, das Geheimnis zu wahren. Nur die führenden Mitglieder der Familie wurden eingeweiht. Feierlich schwuren sie, niemals das Geheimnis zu verraten, den Fund dort zu lassen, wo er seit dreitausend Jahren war, und das Grab als mumifiziertes Bankkonto allein der Familie Abd-el-Rasuls zu betrachten, von dem nur abgehoben werden durfte, wenn die Familie es nötig hatte. Es klingt unglaublich, daß es tatsächlich sechs Jahre lang gelang, das Geheimnis wirklich zu wahren. In diesen sechs Jahren wurde die Familie reich. Am 5. Juli 1881 aber trat der Beauftragte des Museums von Kairo, Brugsch, geführt von Abd-el-Rasul, vor die Graböffnung!

Abd-el-Rasul machte nach beschwerlicher Klettern halt und wies auf ein Loch, das auf sehr natürliche Weise mit Steinen zugedeckt war. Es war kein Wunder, daß die Augen der Menschen drei Jahrtausende lang darüber hinweggeglitten waren. Abd-el-Rasul wickelte ein Seil von der Schulter und bedeutete Brugsch, daß es nötig sei, sich in das Loch hinunterzulassen. Brugsch, den obskuren Führer unter der Bewachung seines verläßlichen arabischen Gehilfen zurücklassend, zögerte nicht, der Aufforderung zu folgen. Vorsichtig hangelte er Hand über Hand hinab. Glomm in ihm die Hoffnung, etwas zu finden, so hatte er doch nicht die geringste Vorstellung von dem, was ihn wirklich erwartete.

Kostbarkeiten des Totenkults

Es erwies sich, daß der Schacht etwa elf Meter tief war. Unten angekommen, entzündete er seine Fackel, bog nach wenigen Schritten um eine scharfe Ecke und – stand vor den ersten riesigen Sarkophagen! Einer der größten, die gleich hinter dem Eingang standen, besagte inschriftlich, daß er die Mumie Sethos I. barg. Der Flackerschein der Fackel fiel auf weitere Särge, auf unzählbare Kostbarkeiten des ägyptischen Totenkults, die achtlos über den Boden und die Särge verstreut waren. Brugsch ging weiter, bahnte sich oft schrittweise den Weg. Plötzlich öffnete sich vor ihm die eigentliche Grabkammer, unendlich weit erscheinend im trüben Licht. Die Särge lagen regellos durcheinander, teils geöffnet, teils noch geschlossen. Einzelne Mumien lagen zwischen unzähligen Geräten und Schmuckstücken. Brugsch verharrte atemlos. Er wußte, daß ihm ein Anblick beschert war, wie noch nie einem Menschen vor ihm. Er stand vor den leibhaftigen Körpern der mächtigsten Herrscher der Alten Welt. Oft kriechend dann wieder frei schreitend, stellte er fest, daß hier Amosis I. lag (1580 bis 1555 v. Chr.), der die endgültige Vertreibung der barbarischen „Hirtenkönige“, der Hyksos, zu seinem Ruhme gefügt hatte; das dort die Mumie des ersten Amenophis zu finden war (1555 bis 1545 v. Chr.), der später der Schutzheilige der ganzen thebanischen Totenstadt werden sollte. Und unter zahllosen Särgen wenig bekannter ägyptischer Herrscher findet er schließlich – und er muß sich, die Fackel in der Hand, niedersetzen, minutenlang überwältigt –, die Mumien der beiden größten Herrschergestalten, deren Ruhm ohne die Archäologen, ohne jede historische Wissenschaft durch die Jahrtausende hindurch von Gechlecht zu Geschlecht auf uns überkommen ist. Er findet die toten Körper von Thutmosis III. (1501 bis 1447 v. Chr.) und von Ramses II. (1292 bis 1225 v. Chr.), der Große genannt, an dessen Hof Moses aufgewachsen ist, der Gesetzgeber des jüdischen Volkes und des Abendlandes, Herrscher, die vierundfünfzig und siebenundsechzig Jahre regierten und Weltreiche unter Blut und Tränen ihrer Untertanen nicht nur schufen, sondern lange Zeit zu bewahren wußten!

Als er die Zahl der versammelten Herrscher überschlug, kam er auf vierzig! Vierzig Mumien! Vierzig sterbliche Reste derer, die einst eine Welt regierten in Gottähnlichkeit; die dreitausend Jahre in Frieden geruht hatten, bis erst ein Räuber, und dann er, Emil Brugsch-Bey, wieder einen Blick auf sie werfen durfte!

Der nächste Morgen schon fand ihn mit dreihundert Fellachen am Fundort. Er ließ das Gelände absperren. Während die schwer arbeitenden Leute – es stellte sich heraus, daß zur Hissung der schwersten Stücke sechzehn Männer benötigt wurden – die Kostbarkeiten einzeln emporschickten, nahmen er und sein Gehilfe jede einzeln in Empfang, registrierten sie und ließen sie am Fuß des Hügels in eine Reihe legen. Die Arbeit geschah in achtundvierzig Stunden! Brugsch-Bey ließ die Mumien verpacken, die Särge einhüllen und nach Luxor schaffen, wo die Verladung in den Nildampfer stattfand.