Dann aber geschah etwas, was Brugsch, den abgehärteten Wissenschaftler, noch mehr beeindruckt als die Entdeckung der Schätze selbst. Mit Windeseile hatte sich in allen Nildörfern und weit im Lande herumgesprochen, welche Last das Schiff barg. Und es zeigte sich, daß das alte Ägypten, das in seinen Herrschern Götter gesehen hatte, noch nicht erloschen war. Brugsch stand auf dem Verdeck, und er sah, daß Hunderte von Fellachen mit ihren Weibern dem Schiff das Geleit gaben, von Luxor ab immer wieder andere bis weit hinab zum großen Nilknie, bis Kuft und Keneh. Die Männer schossen ihre Flinten ab zu Ehren der toten Pharaonen, die Weiber bewarfen Gesicht und Leib mit Erde und Staub und rieben sich die Brüste mit Sand. Die Fahrt des Schiffes war begleitet von weithinhallendem Klagegesang! Eine Fantasia, eine Prozession, fern dem Prunk, erschütternd in der Klage!

Brugsch konnte den Anblick nicht mehr ertragen und wandte sich ab. Handelte er richtig? War vielleicht unterm Blickpunkt jener, die dort ihre Klageschreie ausstießen und die Brüste schlugen, auch er nichts anderes als ein Räuber? War die Begründung, der Wissenschaft zu dienen, ausreichend?

Howard Carter gab uns viele Jahre später eine klare Antwort. Er nimmt die Geschehnisse um das Grab des Amenophis zum Anlaß für folgende Bemerkung: „Eine Lehre können wir aus diesem Fall ziehen, und wir empfehlen sie den Kritikern, die uns Vandalen nennen, weil wir Gegenstände aus den Gräbern entfernen. Indem wir die Altertümer den Museen zuführen, sorgen wir für ihre Erhaltung; an Ort und Stelle gelassen, würden sie unvermeidlich früher oder später zur Beute der Diebe werden, was ihrer Vernichtung gleichkäme.“

Ein Lord findet einen Pharao

Die Entdeckung des Grabes von Tut-ench Amun stellt in der Geschichte der archäologischen Entdeckungen den Höhepunkt aller Erfolge dar. Mit ihr sind die Namen zweier Männer verbunden, derer man immer mit Dank und hoher Bewunderung gedenken wird.

Lord Carnarvon ist als Persönlichkeit eine eigentlich nur in England beheimatete Mischung von Sportsmann und Kunstsammler, Gentleman und Weltfahrer, Realist im Handeln und Romantiker im Fühlen. Er schweift schon als Jüngling durch die Antiquitätengeschäfte und sammelt als Mann mit Leidenschaft und großem Verständnis alte Stiche und Zeichnungen. Gleichzeitig aber ist er ständiger Gast auf allen Rennplätzen, übt sich, bis er ein vorzüglicher Schütze wird, widmet sich dem Wassersport und macht – schon mit dreiundzwanzig Jahren Erbe eines sehr großen Vermögens – eine Segelfahrt um die Welt. Das dritte in England lizenzierte Auto gehörte ihm, Autosport wurde ihm zur Leidenschaft. Diese Neigung sollte seinem Leben eine entscheidende Wendung geben. Um die Jahrhundertwende hat er in Deutchland auf einer Straße vor Bad Langenschwalbach einen Autounfall, überschlägt sich mit seinem Wagen und hat neben einer Reihe von schweren Verletzungen für sein ganzes Weiteres Leben unter starken Atembeschwerden zu leiden, die ihm die Winteraufenthalte in England unerträglich machen. Deshalb geht er 1903 zum erstenmal ins milde Klima Ägyptens, trifft auf die Grabungsfelder mehrerer archäologischer Expeditionen, und der reiche unabhängige Mann, bisher ohne Aufgabe und Ziel, erkennt, wie er seine Leidenschaft zum Sport und seine Neigung zu ernsthafter Beschäftigung mit der Kunst miteinander vereinen kann. 1906 fängt er mit eigenen Ausgrabungen an. Aber noch im selben Winter weiß er, daß seine Kenntnisse unzureichend sind. Er bittet Professor Maspéro um Rat und dieser empfiehlt ihm den jungen Howard Carter.

Die Gemeinschaft dieser beiden Männer war ungewöhnlich glücklich. Howard Carter wurde die vollkommene Ergänzung von Lord Carnarvon. Er war der umfassend gebildete Wissenschaftler, der schon, bevor Lord Carnarvon ihn mit der ständigen Oberaufsicht über alle seine Grabungen betraute, beträchtliche praktische Erfahrungen gesammelt hatte. Dabei war er alles andere als ein phantasieloser Faktenforscher. Seine praktische Geschicklichkeit verließ ihn nie, und, wenn es darauf ankam, konnte er unerschrocken, ja wagehalsig sein. Das zeigt sich in der abenteuerlichen Episode des Jahres 1916.

Eine Gruppe von Räubern hatte auf der Westseite des Hügels oberhalb des „Tals der Könige“ einen Fund gemacht. Kaum hörte eine Konkurrenzgruppe davon, als sie sich schon aufmachte, um teilzuhaben an den vermuteten Schätzen. Was nun geschah, scheint der Inhalt eines schlechten Films zu sein! Es kam zu einem Gefecht zwischen den beiden Banden. Die erste Abteilung wurde überrumpelt, geschlagen und vertrieben, und es bestand größte Gefahr, daß es zu weiteren blutigen Auseinandersetzungen kommen würde. Carter, obwohl er auf Urlaub und für diese Vorgänge nicht im mindesten verantwortlich war, entschloß sich zu handeln. Lassen wir ihn selbst berichten: