„Es war schon spät am Nachmittag. Eilig sammelte ich die wenigen meiner Arbeiter, die der militärischen Aushebung entgangen waren, und machte mich mit der nötigen Ausrüstung nach dem Tatort auf den Weg. Es war Mitternacht, als wir auf dem Schauplatz ankamen und der Führer mir das Ende eines Seiles zeigte, das an einem senkrechten Felsen hinabhing. Wenn wir hinhorchten, konnten wir die Räuber tatsächlich arbeiten hören; ich schnitt erst ihr Seil und damit das Mittel zum Entkommen ab und ließ mich, nachdem ich ein eigenes, gutes, starkes Seil befestigt hatte, über den Felsen hinunter. Sich um Mitternacht an einem Seil in ein Nest voll geschäftiger Grabräuber hinunterzulassen, ist ein Zeitvertreib, dem es nicht an Reiz mangelt. Acht Mann waren an der Arbeit, und als ich unten ankam, gab es ein paar ungemütliche Augenblicke. Ich stellte ihnen die Wahl, sich vermittels meines Seiles davonzumachen oder ohne Seil zu bleiben, wo sie waren; schließlich nahmen sie Vernunft an und entfernten sich. Den Rest der Nacht verbrachte ich an Ort und Stelle ...“

Man muß diese bescheidene und fast trockene Darstellung, die die Gefährlichkeit der Situation nur galgenhumorig durchblitzen läßt, mit seiner Phantasie auffüllen, um sich das Bild eines recht streitbaren Archäologen machen zu können.

Carnarvon und Howard Carter gingen zusammen an die Arbeit. Sie sahen vor sich das „Tal der Könige“. Dutzende hatten vor ihnen hier gegraben und kein einziger hatte genaue Aufzeichnungen oder gar Pläne darüber hinterlassen. So türmte sich wie ein künstliches Mondgebirge Schuttberg neben Schuttberg, zwischen ihnen die Eingänge zu den entdeckten Gräbern. Es gab keinen anderen Weg, als planmäßig bis auf den Felsboden zu graben. Und Carter schlug vor, in einem Dreieck zu beginnen, das durch die Gräber Ramses II., Merenptahs und Ramses VI. abgesteckt war. „Auf die Gefahr hin“, schreibt er später, „eines nachträglichen Besserwissens beschuldigt zu werden, will ich feststellen, daß wir entschieden Hoffnung hatten, das Grab eines bestimmten Königs zu finden, und dieser König war Tut-ench-Amun!“

Das klingt unglaublich, wenn man sich das durch und durch umgewühlte „Tal“ vorstellt. Es ist besonders deshalb so kühn, weil die Gründe, die die beiden Ausgräber mit solcher Hoffnung erfüllten, so geringfügig waren, und die Meinung der gesamten Fachwelt mit Entschiedenheit dahin ging, daß die Zeit der Entdeckungen im „Tal der Könige“ vorüber sei.

Als Carnarvon und Carter mit dem Graben begonnen hatten, entfernten sie in einer Winterarbeit innerhalb des abgesteckten Dreiecks einen großen Teil der obersten Schichten und rückten bis an den Fuß des geöffneten Grabes von Ramses VI. vor. „Hier stießen wir auf eine Reihe Arbeiterhütten, die auf einer Menge großer Feuersteinknollen errichtet waren, wie sie im Tal immer ein Zeichen für die Nähe eines Grabes sind.“

Was nun geschah, wird, wenn man zusammenrückt, was in mehreren Jahren sich abspielte, spannungsvoll! Wegen der Touristen nämlich, denen eine Weiterarbeit in der begonnenen Richtung den Besuch des gernbetrachteten Ramses-Grabes verwehrt hätte, entschlossen sich die Ausgräber, das Graben an diesem Ort bis zu günstigerer Gelegenheit zurückzustellen. So gruben sie im Winterhalbjahr 1919/20 nur am Eingang des Grabes von Ramses VI. und fanden dort und in einem kleinen Versteck auch tatsächlich mehrere archäologisch nicht unwichtige Einzelstücke von Grabausrüstungen. „So nahe an einem wirklichen Fund waren wir bisher bei all unseren Arbeiten im Tal noch nie gewesen“, notiert Carter.

Jetzt hatten sie ihr Dreieck bis auf das Stück, auf dem die Arbeiterhütten standen, „abgeschabt“; und wieder lassen sie diesen letzten Teil unberührt, wieder begeben sie sich an eine andere Stelle, in ein kleines Seitental zum Grab des dritten Thutmosis, und graben dort zwei Winter lang, um „nichts eigentlich Wertvolles“ zu finden!