Benedetto Croce: Die Geschichte als Gedanke und als Tat. Mit Einführung von Hans Barth, Zürich. Marion von Schröder Verlag, Hamburg 1948. 304 Seiten. (Lizenzausgabe mit Erlaubnis des Verlages A. Francke, Bern.)

In dieser erneuten bedeutsamen Zusammenfassung seiner Geschichtsphilosophie tritt Croces Denken in einem wichtigen Augenblick an die deutsche Geschichtsschreibung heran. Die Geschichte stellt bekanntlich ein grundlegendes Element in Croces weitgespannter „Philosophie des Geistes“ dar, insofern sie mit der Behauptung steht und fällt, daß Philosophie nichts anderes ist als Geschichte und Geschichte nichts anderes als Philosophie. Auf Grund dieser aus älterer italienischer Tradition (Vico) gewonnenen Ausgangsposition wendet sich der neapolitanische Philosoph polemisch gegen entgegenstehende geschichtsphilosophische Überzeugungen. Einmal gegen jede von den Naturwissenschaften beeinflußte Philosophie. Ferner aber wendet er sich mit der gleichen Entschiedenheit gegen die in religiösen Dogmen und in metaphysischen Glaubenssätzen begründeten Systeme, nach denen der Geschichte ein Gegensatz zwischen einem jenseitigen Prinzip und seiner diesseitigen Erscheinung zugrunde liege.

Wie Hegel, bezeichnet Croce die menschliche Entwicklung als eine Entwicklung zur Freiheit. Hierin liegt der leitende Gesichtspunkt für die „Geschichte als Tat“. Zwar ist die Freiheit, die geistige ebenso wie die politische, immer bedroht, aber „die Philosophie ist nicht auf der Welt, um sich von der Wirklichkeit übermannen zu lassen, so wie diese sich in betroffenen und getrübten Einbildungen darstellt, sondern um sie von diesen Einbildungen zu befreien und zu deuten“ (S. 61). In dieser zugleich deutenden und befreienden Aufgabe der Philosophie zeigt sich ihr wesentlich aktivistischer Charakter. Dieser philosophische Aktivismus steht, worauf Croce mit besonderem Nachdruck hinweist, im Gegensatz zur traditionellen deutschen Philosophie und Geschichte. Er wirft es insbesondere dem deutschen historischen und politischen Denken vor, daß es vor der Allmacht des Staates kapituliert habe (S. 119 f.): „Die Anbetung des Staates und der Macht, die in Deutschland begonnen und auch bei anderen Völkern Eingang gefunden hat, ist letztlich ein niedriger Trieb, nicht von Bürgern, sondern von Lakaien und Höflingen“ – mehr Berechtigung habe die ältere deutsche Auffassung, so einseitig und verstiegen sie auch hin und wieder formuliert worden sei, daß nämlich die Kultur stets höher stehe als der Staat. Aus diesen Grundansichten heraus finden sich im vorliegenden Buch bemerkenswerte Auseinandersetzungen mit der deutschen Geschichtsschreibung des neunzehnten Jahrhunderts; nicht nur mit Treitschke, dessen in mancher Hinsicht vernichtende Verurteilung man deutschen Lesern ersparen möchte, sondern auch mit Ranke, dem die Verengung des historischen Interesses auf den Machtstaat vorgeworfen, und mit Jacob Burckhardt, dessen gegenüber der europäischen Entwicklung resignierende Haltung und damit verbundene Flucht in die Betrachtung des ästhetisch Schönen in ihrer Gültigkeit bestritten wird.

J. A. v. Rantzau