Von C. W. Ceram

Grabschänder und sogenannte Antiquitätenhändler haben seit Jahrtausenden dafür gesorgt, daß ein großer Teil der Schätze ans der geschichtlichen Glanzzeit Ägyptens der archäologischen Forschung entzogen wurden. Von den Enttäuschungen, die durch dieses Räuberunwesen den Archäologen aller Länder im Laufe der zu Beginn des 19. Jahrhunderts einsetzenden exakten Untersuchungen der Pyramiden und Felsengräber bereitet wurden, berichteten wir bereits in Nummer 21 und 22 der „Zeit“. Unsere heutige Fortsetzung beginnt mit der Schilderung eines Falles von Grabräuberei, in den ein ganzes Dorf verwickelt war und dessen Ursprung im 13. Jahrhundert v. Chr. zu suchen ist

Wir überspringen ein weites Dunkel der Geschichtslosigkeit, das in (unsere Epoche mündet, in der der Besucher des „Tals der Könige“, wehmütig und erheitert zugleich, aus dem Reiseführer erfährt: „Die wichtigsten Gräber und das Grab des Tut-ench-Amun werden dreimal wöchentlich vormittags erleuchtet.“ Daß der Strom der Reisenden so lohnende Ziele hat, beruht mit auf einem der erstaunlichsten Funde, der unter seltsamen Umständen im Jahre 1881 begann und einen Fall moderner Grabräuberei aufrollte.

Zu Beginn des Jahres 1881 reiste ein wohlhabender kunstinteressierter Amerikaner den Nil aufwärts bis Luxor, bis zu dem Dorfe, das gegenüber der alten Königstadt Theben liegt. Er wollte einige Altertümer kaufen. Er verachtete den offiziellen Weg und verließ sich auf seinen Instinkt. Der trieb ihn des Abends in die dunklen Gassen, in die Hinterstuben des Bazars und brachte ihn schließlich mit einem dunklen Ägypter zusammen. Von diesem kaufte er einen Papyrus, wie er ihn in solcher Wohlerhabenheit und Schönheit bis dahin kaum gesehen hatte. Er verbarg ihn in seinem Koffer und reiste, Zoll- und Polizeikontrolle hintergehend, schleunigst ab. Ein europäischer Experte, der die zweifellose Echtheit und den Wert des Papyrus erkannt hatte, versuchte den Amerikaner auszuhorchen. Der vergnügte Sammler, dem auf europäischem Boden niemand mehr seine Beute rauhen konnte, erzählte gern und stellte sein Licht nicht unter den Scheffel. Der Experte schrieb einen ausführlichen Brief nach Kairo. Die Aufdeckung einer außergewöhnlichen Grabschändung kam ins Rollen.

Als Professor Gaston Maspéro in seinem Museum zu Kairo den Brief aus Europa erhielt, war er über zweierlei bestürzt. Erstens darüber, daß sein Museum wieder um einen kostbaren Fund gekommen war. Wieder – denn seit nicht weniger als sechs Jahren tauchten auf die geheimnisvollste Weise auf dem Schwarzen Markt der Altertümer seltene und im Sinn der Wissenschaft außerordentlich kostbare Kleinodien auf, deren Herkunft niemals zu ermitteln war. Meist war von dem großen Unbekannten die Rede; aber einmal war dieser Unbekannte ein Araber, einmal ein junger Neger, dann ein zerlumpter Fellache und schließlich ein offensichtlich wohlhabender Scheich. Der zweite Punkt aber, der Maspéro erregte, war die Tatsache, daß das neueste Stück, von dem ihm nun berichtet wurde, die Grabbeigabe eines Königs der XXI. Dynastie war, von deren Gräbern jede Kunde verlorengegangen war! Wer hatte dieses Grab gefunden? War es das Grab eines einzigen Königs?