.,Alte Römer“ und Emigranten

Von Percy Eckstein

Der Fremde, der heutzutage nach Rom kommt, wird überrascht sein, wie oft die deutsche Sprache an sein Ohr klingt. Im Autobus, in Gaststätten und Kaffeehäusern, auf der Straße, besonders in der traditionellen Ausländergegend rings um die Piazza di Spagna wird er immer wieder Bruchstücke deutscher Gespräche vernehmen. Auch Gepäckträger, Kellner und Hotelportiers reden ihn vielleicht in mehr oder minder gebrochenem Deutsch an – ganz so wie vor dem Krieg, als der deutsche Tourist ein gern gesehener Gas: in Italien war.

Die Deutschen in Rom gehören, ihren Pässen nach, verschiedenen Nationalitäten an: Groß ist die Zahl der Österreicher und Schweizer, viele sind Südtiroler, aber auch echte Deutsche trifft man häufig. Da sind zunächst einmal die „alten Römer“, die schon lange vor dem zweiten, bisweilen sogar bereits vor dem ersten Weltkrieg hier ansässig geworden sind. Sie haben sich völlig „akklimatisiert“. „Doyen“ dieser Gruppe ist Professor Ludwig Curtius, der weltberühmte Altertumsforscher und langjährige Leiter des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom.

Dann gibt es die vielen freiwilligen und unfreivilligen Emigranten – jene Deutschen und Österreicher, die der Heimat den Rücken wandten, weil sie unter dem Nationalsozialismus nicht leben wollten oder konnten. Auch Bobby Todd gehörte zu dieser Gruppe. Er ist einer von den wenigen, die wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind, wie die Kinobesucher am Film „Der Apfel ist ab“ feststellen konnten. Die Mehrzahl der Emigranten hat in Rom jedoch bereits so sehr Wurzel gefaßt, daß sie sich nicht mehr entschließen kann, den Weg über den Brenner in umgekehrter Richtung zurückzulegen.

Groß ist das Kontingent jener Deutschen und Österreicher, die mit Hitlers Heeren über die Alpen kamen, hier in alliierte Kriegsgefangenschaft gerieten und es nach ihrer Entlassung vorgezogen haben, zu bleiben. Die „Jüngsten“ sind die Neuankömmlinge aus dem Deutschland von heute.

Wovon leben alle diese Menschen deutscher Zunge in Italien? Das ist nicht leicht zu sagen. Die „alten Römer“ haben natürlich ihren festen Platz im wirtschaftlichen Leben der Stadt, haben Benfe, Stellungen, Geschäfte. Von den Emigranten verstanden es die Geschickten und Tüchtigen, sich ebenfalls eine Existenz aufzubauen: das gilt besonders von Ärzten, Zahnärzten, Technikern und Kaufleuten. Einige Gelehrte, so der Hamburger Theologe Professor Peterson und der Wiener Kunsthistoriker Dr. Rathe, haben am Vatikan Beschäftigung gefunden. Die Schriftsteller unter den „römischen“ Deutschen warten sehnsüchtig auf den Tag, an dem es wieder möglich sein wird, „mit Deutschland zu arbeiten“, das heißt, für Honorare in D-Mark zu einen vernünftigen Wechselkurs Lire zu erhalten und nicht mehr länger auf das kleine Absatzgebiet der Schweiz allein angewiesen zu sein.

Die deutschen Maler, Bildhauer und Graphiker schlagen sich auf ihre Art durchs Leben. Sie haben es nicht schlechter und nicht besser als ihre italienischen Kollegen, denn auf dem Kunstmarkt wird wenig nach der Nationalität gefragt, Film, Theater, Revue und Tingeltangel geben Schauspielern und Tänzern die Möglichen des Broterwerbs. So hat sich der von Berlin her bekannte Schauspieler und Regisseur Hans Hinrich seit langem beim italienischen Film und selbst auf der Bühne durchgesetzt, und Harry Fast gilt als einer der ersten Kunsttänzer Italiens, von den vielen kleinen Komparsen und Tänzerinnen ganz zu schweigen, die sich mühselig von einem kleinen Kontrakt zum andern durchhungern, Unabsehbar ist schließlich die Schar der Sekretärinnen, Korrespondentinnen, Kinderfräulein, Übersetzer und Sprachlehrer, die meist schwer arbeiten müssen, um nur halbwegs zu existieren.