Von Ernst Samhaber

Buenos Aires, Anfang Juni

Der stärkste Eindruck in Argentinien bei einem Wiedersehen nach fünf Jahren ist die Preissteigerung. Es läßt sich gut sagen, daß die Preise durchweg auf das Dreifache, in sehr vielen Fällen auf das Fünffache des Preisstandes von 1944 gestiegen sind. Das bedeutet, daß mitten im Frieden, ohne die Einwirkung einer äußeren Katastrophe, ja inmitten eines ungewöhnlichen wirtschaftlichen Aufstieges die Sparer, um einen sehr großen Teil ihrer Guthaben gekürzt worden sind. Der Schnitt ist gewiß nicht so hart wie in Deutschland durch die Währungsreform, aber läßt sich durchaus mit ihm vergleichen. Zugleich haben auch die Festbesoldeten die gleiche Kürzung ihrer Bezüge hinnehmen müssen, soweit es ihnen nicht gelang, eine bedeutende Erhöhung, also eine Vervielfachung durchzusetzen. Wo sind die Gelder geblieben? Werwaren die Nutznießer?

Als der Krieg aufhörte, stand Argentinien wirtschaftlich hervorragend da. Es hatte sich nicht nur einen Devisenschatz von rund einer Milliarde Dollar angesammelt, es hatte zugleich einen Teil der ausländischen Werte in Argentinien zurückerwerben können. Zugleich war die einheimische Industrie ausgebaut worden, und schließlich verfügte das Land über diejenigen Erzeugnisse, die damals am dringendsten gesucht wurden: Lebensmittel und industrielle Rohstoffe, wie Wolle, Leinöl und Rohhäute. Aber dieser erste Eindruck ließ große Mängel vergessen. Während der langen Jahre der Absperrung von den europäischen und nordamerikanischen Industriegebieten waren sämtliche technischen Einrichtungen sehr stark heruntergewirtschaftet worden. Die Eisenbahnen hatten weder rollendes Material noch Signalgerät. Die Kraftwagen waren verbraucht, insbesondere die Lastkraftwagen und die Omnibusse. Die städtischen Straßenbahnen mußten dringend neue Wagen anschaffen. Und ebenso fehlten die Ersatzteile für die industriellen Maschinen, das Bohrmaterial für die Erdölindustrie, die Einrichtungen für die während des Krieges gebauten Wohnhäuser.

Als die Hemmungen des Außenhandels fielen, da suchte Argentinien alles so schnell wie möglich zu kaufen, was es solange entbehrt hatte, aber es gab kaum eine Ware, die in Südamerika fehlte, in ausreichender Menge, denn die übrige Welt hatte sechs Jahre lang für die Vernichtung und nicht für den Frieden gearbeitet. Dementsprechend gingen die Preise in die Höhe, und weil sie ununterbrochen stiegen, stürzte sich die Kaufwut erst recht auf alles, was nur irgend greifbar war. Die verhängnisvolle Spirale hatte eingesetzt: Die hohen Preise steigerten die Kaufwut und die Kaufwut steigerte die Preise.

In diesen Wirbel wurde die Politik hineingezogen. Um die Arbeiter gegen die Auswirkungen der Teuerung zu schützen, wurden die Löhne erhöht, aber die Lohnerhöhungen trieben die Preise noch weiter. Die Regierung des Generals Perón stützte sich auf die Arbeiterschaft und wollte den Ausgleich zwischen Löhnen und Preisen erzwingen, indem sie die Preise im Inneren niedrig hielt und die Ausfuhrpreise bis zur höchstmöglichsten Grenze hinaufschnellen ließ. Sie hielt sich von den internationalen von Nordamerika beherrschten Organisationen fern, die die vorhandenen Lebensmittel – teilweise stark unter politischen Gesichtspunkten – verteilte. So konnte sie zum Teil Überpreise erzielen, die noch weit über den international kontrollierten Weltmarktpreisen lagen. Aber damit erhielten die Preise im Inneren einen erneuten Antrieb.

Solange Lebensmittel in der ganzen Welt ungewöhnlich knapp waren, brauchte Argentinien sich keine Sorgen zu machen. Es würde immer seinen Weizen, seinen Mais und sein Leinöl absetzen können. Seit einem halben Jahr hat sich jedoch das Blatt gewendet. Die großen Ernten des vergangenen Jahres in Nordamerika, und Europa haben den Nordamerikanern erlaubt, den gesamten europäischen Bedarf des Marshall-Planes ohne Rückgriff auf die argentinischen Vorräte zu befriedigen. Heute sitzt Argentinien auf zwei vollen Weizenernten fest und sieht nur wenig Möglichkeiten, sie zu verkaufen. Zwar nehmen die Brasilianer hier einen größeren Posten ab, die Spanier einen anderen, aber das bedeutet noch nicht den dringend notwendigen Abfluß. Ganz besonders bringen derartige Verkäufe nicht die Devisen, die notwendig sind, um die Einkäufe aus dem einzigen Industrieland zu bezahlen, das heute voll lieferungsfähig ist. Argentiniens Wirtschaft wird heute bestimmt durch den Mangel an Dollar. Ohne Dollar kann kaum Stahl, können nur wenige Kraftwagen, Maschinen, Ersatzteile und wichtige industrielle Rohstoffe, etwa wie Nitrozellulose für die Farbenindustrie, eingeführt werden. Die Wirtschaft droht an den fehlenden Schräubchen zum Erliegen zu kommen.