Es braucht kein Wort darüber verloren zu werden, daß die soziale Bedeutung der privaten Krankenversicherung nicht nur beachtlich, sondern für unser heutiges Gemeinwesen auch unentbehrlich ist. Jeder politische Angriff, gleich ob er von den Propheten der Zwangsversicherung ausgeht oder nicht, bedeutet einen Schritt rückwärts und führt auf einen Kurs, an dessen Ende die planwirtschaftliche Unfreiheit und der Zwang zum Pflichtarzt und zur Pflichtkasse stehen. In den fast 600 Gesellschaften und Vereinen der privaten Krankenversicherung sind zur Zeit in der Trizone etwa 10 Millionen Menschen versichert, die eine jährliche Prämiensumme von 400 Mill. DM aufbringen. Das heißt, jeder vierte Deutsche der Westzonen ist in einer privaten Krankenversicherung, die damit der zweitgrößte Zweig der Privatversicherung überhaupt ist.

In den letzten Wochen ist der breiteren Öffentlichkeit bekanntgeworden, daß sich die private Krankenversicherung in einer ernsten finanziellen Lage befindet. Mehrere Gesellschaften haben bereits ihre Prämiensätze erhöhen müssen, um so zu einem Ausgleich zwischen Einnahmen und Leistungen zu kommen; andere – und zwar wohl die Mehrzahl – werden in den kommenden Wochen folgen. Dieser Tenor gab den Hintergrund zu einer zweitägigen Konferenz der privaten Krankenversicherungen auf dem Rittersturz in Koblenz.

Auszugehen ist von der Tatsache, daß die Gesellschaften, trotz der erheblich gestiegenen Krankenkosten, die sie rückzuvergüten haben, im wesentlichen bisher bei ihren alten Beitragssätzen verblieben sind. Selbst in normalen Schadensjahren wäre dies eine Belastung, die in ihrer Einseitigkeit auf die Dauer nicht getragen werden kann. Das frühere Normaljahr sah ein Verhältnis der Einnahmen zu den Leistungen, also eine sog. Schadensquote, von etwa 70 bis 75 v. H. vor. Nach Mitteilung des Verbandes stieg diese jetzt seit der Währungsreform auf etwa bis zu 100 v. H. Damit ist die Prämienkalkulation aus den Vorkriegsjahren über den Haufen, geworfen.

Nun hat es vieler Stunden einer langwierigen Pressekonferenz bedurft, um diese Feststellungen des Verbandes an Hand von gutem Material belegt zu sehen. Man behauptete, die Militärregierung habe statistische Erfassungen verboten. Aber der Direktor der Frankfurter „Landvolk“, einer meist bäuerlichen Krankenversicherung, rettete die Situation und gab auf der Grundlage einer ganz ausgezeichneten statistischen Arbeit seiner Gesellschaft einen guten Einblick in die Kostenentwicklung. Danach sind (seit der Währungsreform) die Anforderungen an Leistungen und Rückvergütungen durch Preissteigerung und Mehrinanspruchnahme wie folgt gestiegen: Krankenhauskosten um 400 v. H., Zahnersatz um 800 v. H., Arztkosten um 330 v. H., Arzneikosten um 115 bis 125 v. H., Wegekosten (1 DM je Doppelkilometer für den Landarzt) um 300 v. H., Röntgen um 350 v. H. und Operationskosten um 400 v. H.

Diese Zahlen sprechen für sich. Sie sind eine Folge einer allgemein höheren Preislage, aber auch, wie die Gesellschaften einmütig behaupten, eine Folge eines sich jetzt nach Behandlung drängenden Nachholebedarfs in der Bevölkerung (z. B. Zahnersatz!), den man auf etwa 20 v. H. des Normalanfalles schätzt. Ein weiterer Grund wurde von den Gesellschaften noch angeführt. Man gab der Ärzteschaft grundweg die Schuld, sozusagen als Kollektiv, verallgemeinerte sehr weitherzige, vielleicht auch betrügerische Einzelfälle, stellte jedenfalls die (vor allem die jüngere) Ärzteschaft auf einen amoralischen Nenner und warf ihr vor, daß sie sich zu weitgehend der modernen Technik und moderner Untersuchungsmethoden bediene, die „die Kassen ja bezahlen“. Die Auffassung des Verbandes ging so weit, daß sich die Presse einschalten sollte, um an die Ärzte den Appell zu vermitteln, nicht übergebührlich Krankenbesuche zu machen, mit modernen technischen Untersuchungsmethoden (z. B. Röntgen, EKG usw.) zu sparen und zu den hausbackenen (jedoch meist auf jahrzehntelangen Erfahrungen beruhenden) Diagnosen der alten Herren Medizinalräte zurückzukehren – denn sonst könnten die Versicherungen die Rechnungen nicht mehr bezahlen ...

Die Tagung vermittelte den Eindruck, als ob an der Liquiditätskrise der Gesellschaften im Grunde genommen nur die Ärzteschaft schuld sei. Uns erscheint diese Art der Kontroverse bedenklich. Wir haben bereits zum Ausdruck gebracht, daß die Kosten- und Preisentwicklung für viele Gesellschaften eine Korrektur ihrer Geschäftsusancen erzwingt. Wir sehen aber im Nachholbedarf ebenfalls eine kaum abzulehnende Aufbesserung der Volksgesundheit. Wir würden auch einen Hinweis an die Ärzte, nicht allzu friedensmäßig draufloszuwirtschaften, für erforderlich halten. Was wir aber vermissen, das ist der substantivierte Nachweis, daß seitens der Gesellschaften alles getan worden ist, um zunächst einmal persönlich den Aufwand zu beschneiden, die bis zu 20 v. H. betragenden Verwaltungskosten erheblich zu senken, sich in dem Wunsch der Reserveanreicherung zu bescheiden und die unrentablen, das heißt ihrem Zweck nicht mehr gerecht werdenden Unternehmen zu liquidieren; zu fusionieren oder intern umzugestalten. Die Krise ist ja keine eigentliche Liquiditätskrise (denn wo wären die Forderungendie man nicht hereinbekommt?), sondern ausschließlich eine Kostenkrise. Also muß im Kostenapparat eine Reform erfolgen, zumindest aber der Versuch dazu unternommen werden. Man hat dreißig Jahre gute Zeiten mitgemacht als Privatunternehmen und kann nun nicht gleich nach den ersten drei Monaten einer Anspannung und eines ungünstigen Schadensverlaufes mit schwersten Vorwürfen nach außen hervortreten, ohne die inneren Voraussetzungen der Privatwirtschaft mit ihrer Risikohaftung erfüllt zu haben. Uns haben Generaldirektoren großer Gesellschaften versichert, daß sie dank guter Rationalisierung auch heute noch auskömmlich arbeiten. Wir meinen, daß gerade in der jetzigen Zeit das Verständnis der Öffentlichkeit dafür besteht, daß man um der Kosteneinsparungen willen zu Zusammenlegungen kommt, und wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, daß statt 600 Gesellschaften im kleinen Raum der Westzonen auch 300 Gesellschaften mit 300 Vorständen, Verwaltungen, Organisationsnetzen usw. vollauf genügen. Darüber aber haben wir nichts gehört, sondern nur Anklagen gegen Dritte. R–t.