Stanislaw Mikolajczyk, der Ministerpräsident der Londoner polnischen Regierung nach dem Tode Sikorskis und der Vize-Ministerpräsident der ersten polnischen Koalitionsregierung in Warschau, hat in seinem außerordentlich aufschlußreichen Buch The Rape of Poland (Die Vergewaltigung Polens) neues Licht auf das Verbrechen von Katyn geworfen. Er verweist auf das geheime Nazi – Sowjet – Abkommen vom 28. September 1939, demzufolge ein Austausch der deutschen Bevölkerung in den von den Russen besetzten Gebieten mit den Ukrainern und Weißrussen unter der deutschen Besatzungsmacht stattfinden sollte. Das Abkommen ist unterdessen vom amerikanischen Außenamt veröffentlicht worden. Es findet sich auf Seite 106 des Dokumentenbandes Nazi–Soviet Relations 1939–1941, Washington 1948.

Nach Mikolajczyk beschwerten sich die Russen zu Beginn des Jahres 1940 darüber, daß die Nazis „ungefähr 30 000 Ukrainer in besonderen Lagern militärisch ausbildeten, damit sie später in der Hitlerschen Wehrmacht Militärdienst leisten könnten. Diese Lager befanden sich hauptsächlich in der Nähe von Krozno und Zakopane. Die Russen verlängten nun die Auslieferung dieser Ukrainer und boten als Gegenleistung die Auslieferung der gefangenen polnischen Offiziere an. Ein Abkommen wurde geschlossen“. Mikolajczyk fährt fort:

„Im letzten Moment erinnerten sich die Deutschen jedoch gewisser fundamentaler Nazi-Lehren. Darunter war die These von der Notwendigkeit von Lebensraum, aber nicht von neuen Essern sowie die von der Nützlichkeit einer systematischen Ausrottung der polnischen Intelligenz. Die Deutschen mögen auch die Möglichkeit einer späteren Verfolgung wegen Mißhandlung der durch die Haager Konvention geschützten polnischen Offiziere ins Auge gefaßt haben.“

So informierten die Deutschen die Russen, daß sie zwar die 30 000 Ukrainer ausliefern Würden, aber keineswegs die polnischen Offiziere Wollten. Kurz danach, im März 1940, wurden die polnischen Offiziere aus den drei großen Gefangenenlagern (Kozielsk, östlich von Smolensk, Starobielsk bei Karkow und Ostashkov in der Nähe von Kalinin) evakuiert. Die Offiziere aus dem Lager von Kozielsk wurden per Eisenbahn nach Gniezdovo gebracht, von wo sie ein Autobus in Gruppen von je dreißig Mann in den nahegelegenen Wald zur Massenhinrichtung brachte.“

Einige Seiten später berichtet Mikolajczyk ein Gespräch, das er nach seiner Rückkehr im Juni 1945 in das von den Kommunisten beherrschte Polen mit dem polnischen Generalstaatsanwalt Sawicki hatte, der Mikolajczyk fragte, ob er es nicht für opportun hielte, einen Schauprozeß zu veranstalten, in dem die Russen von jedem Verdacht, das Verbrechen begangen zu haben, befreit werden sollten. Mikolajczyk schreibt:

„Katyn lebt in den Herzen des polnischen Volkes“, sagte der besorgte Kommunist. „Wir sollten ein genaues Verhör veranstalten.“ – „In der Tat“, antwortete ich. „Wir sollten einen öffentlichen Prozeß veranstalten und die sich auf Katyn beziehenden Dokumente produzieren. Ein ehrenhaft geführter Prozeß wird zweifellos die Identität der Mörder feststellen.“ Sawicki zögerte, bevor er mich fragte, was für eine Aussage ich machen würde, sollte ich als Zeuge verhört werden. – „Nur das, was ich genau weiß“, antwortete ich. „Ich weiß positiv, daß ein Abkommen zwischen den Deutschen und den Russen bestanden hat, demzufolge Polen und Ukrainer ausgetauscht werden sollten, sowie daß die Deutschen die ihnen auszuliefernden Polen nicht haben wollten. – Ich würde ferner bezeugen, daß uns in London wiederholt von den Russen mitgeteilt wurde, daß die polnischen Offiziere in Freiheit seien, während sie in Wirklichkeit zu jener Zeit längst ermordet waren. Und ich würde die Bemühungen schildern, die von den sich zurückziehenden Deutschen gemacht wurden, um alle auf dies Verbrechen bezüglichen Dokumente zu retten. – Sawicki fragt mich, was ich denn über etwa vorhandene Dokumente wüßte. Er war sichtlich besorgt. – Die Katyn-Dokumente antwortete ich, wurden von den zurückgehenden Deutschen von Krakau nach Breslau gebracht. Von Breslau wurden sie nach der Tschechoslowakei gebracht, wo sie aller Wahrscheinlichkeit nach von den Amerikanern gefunden wurden. Ich erwähnte auch Dokumete, die meines Wissens im Besitze des Polnischen Roten Kreuzes waren und die ebenfalls nach dem Westen geschickt worden waren.“

Als die Alliierten damit beschäftigt waren, die Anklageschrift für den ersten Nürnberger Prozeß zu schreiben, überließen sie die Verfolgung der von den Deutschen in Osteuropa begangenen Kriegsverbrechen naturgemäß den Russen. General R. A. Rudenko, der russische Hauptankläger in Nürnberg, der es nicht wagen konnte, das Verbrechen von Katyn, angeblich von den Deutschen begangen, in der Anklageschrift nicht zu erwähnen, sorgte dafür, daß es in der Nürnberger Anklageschrift nur mit folgendem Satze Erwähnung fand: „Im September 1941 wurden 11 000 polnische Offiziere, die Kriegsgefangene waren, im Katyner Wald bei Smolenks getötet.“ Das war alles. Als dann das Nürnberger Urteil gefällt wurde, wurde dieser