Wahrscheinlich ist es schon zu spät. Man kann die deutsche Gründlichkeit zwar oftmals loben, aber nur selten bremsen. Das gilt voraussichtlich auch dieses Mal. Ihre neueste Komödie in der deutschen Nachkriegspolitik heißt? „Ober kommt gleich.“

Aus Bonn verlauten die ersten Nachrichten über die Struktur der künftigen Bundesregierung. Diese Vorschläge, sind nun sicher keine heimlichen kommunistischen Bestrebungen, um die deutsche Bundesrepublik zu diskreditieren. Nein, so zynisch könnte nicht einmal eine Fünfte Kolonne arbeiten. Sie sind vielmehr das Resultat gutgemeinter Bestrebungen auf dem Jahrmarkt der Bürokratie. Und eben das ist so bedenklich. Denn der Bosheit kann man begegnen; gegen entfesselte Fachleute kämpfen Götter selbst vergebens. In den Bonner Plänen ist vorgesehen, außer acht „Kleinministerien“ sogenannte „Oberbehörden“ zu errichten, die die eigentliche Verwaltungstätigkeit übernehmen und die „Ideen der Ministerien“ in die Praxis umsetzen sollen. Eine Exekutive der Exekutive also. Wahrlich, diese „Oberbehörden“ sind „ziemlich einmalig in der Geschichte“, wie es Dr. Pünder ohne Spott ausdrückte.

Zwar haben sich bisher weder die Nachrichten über einen Streik der gekränkten Angestellten des gastronomischen Gewerbes noch die Gerüchte, die von einer neuen Nationalhymne „Deutschland, Deutschland, ober alles“ wissen wollen, bestätigt. Dennoch scheint kein Zweifel mehr zu bestehen: Eine neue Ober-Ära ist angebrochen. Der General ist tot! Es lebe der Ober! Oberamtmann, Oberlehrer, Oberpostdirektion, ja selbst der Oberdirektor – sie alle waren nur eine Vorstufe. Jetzt will man uns eine „Oberbehörde“ bescheren; eine „Ober-Behörde“ par excellence. Wer könnte in solchem Moment Anstoß nehmen an eventuell auftauchenden Schwierigkeiten, falls nämlich die politischen „Kleinministerien“ und „Oberbehörden“ in Bonn sich bald sehr selbständig werdenden und außerhalb jeder Kontrolle stehenden „Behörden“ in Frankfurt gegenübersehen? Reitende Boten auf wiehernden Amtsschimmeln würden der Entfernung spotten, und freudige Steuerzahler könnten ihnen neben „Kleinministerium“ und „Oberbehörde“ ein „Mittleres Amt“ auf halber. Strecke als Rasthaus errichten. Welche Aspekte, welche Ober-Aspekte ...

Die Gründe, die die Autoren zu diesem Stück auf zwei Bühnen inspiriert haben mögen, sind sicher nicht zuletzt in der Erkenntnis zu suchen, daß es Bonn selbst als provisorischer Hauptstadt vorerst einfach unmöglich sein wird, den ganzen der Verwaltung anhängenden Schwanz von Verbänden, wirtschaftlichen Vereinigungen, Korporationen und Innungen in seine linksrheinischen Mauern aufzunehmen. Eine Fehlentscheidung aber kann nun mal nicht durch einen Schritt in die gleiche Richtung wiederaufgehoben werden. Man muß sich klar entscheiden. Da an Komödien auf dem Spielplan der deutschen Nachkriegspolitik weiß Gott sowieso kein Mangel herrscht, wäre es in dieser Beziehung ein ebenso guter wie notwendiger Anfang, wenn der „Ober kommt gleich“ noch vor der Premiere abgesetzt würde. C. J.