Zum erstenmal nach dem Kriege fand jetzt in Oxford ein Treffen britischer und deutscher Nationalökonomen statt. Darüber berichtet hier ein Teilnehmer aus der jüngeren Generation der deutschen Wirtschaftswissenschaftler.

Es war ein Experiment, vierzehn deutsche Nationalökonomen für zwei Wochen nach Oxford einzuladen, um sie dort mit ihren englischen Kollegen Fragen der neueren Wirtschaftstheorie and der wirtschaftlichen Entwicklung nach dem Kriege diskutieren zu lassen. Vor allem gab der Glaube, daß letzten Endes die menschliche Verständigung die Grundlage und das wesentliche Ziel der Zusammenkunft bilden würden, den Anlaß zu diesem Versuch. Günstig war es, daß sich Vertreter eines bestimmten Fachgebietes zusammenfanden, die auf ihrem Gebiet „die gleiche Sprache“ sprechen, nämlich die internationale Sprache wissenschaftlicher Forschung.

Diese Gemeinsamkeit allein hätte aber nicht die Atmosphäre freundschaftlicher Verständigung hervorrufen können, wenn nicht von allen Menschen, mit denen die Deutschen beruflich und privat, in Verbindung kamen, ein Strom des Verständigungswillens ausgegangen wäre. Wie ja meist die besten Dinge diejenigen sind, die nicht ausgesprochen werden, so war auch diese Tagung von der unsichtbaren Zusammengehörigkeit europäischer Wirtschaft und Kultur getragen. Auch das „klösterliche Leben“, das die Teilnehmer in einem Oxford-College zusammenhielt, schuf gute Voraussetzungen. Anderseits war das Fach der Wirtschaftswissenschaften wie kaum ein anderes dazu angetan, der Diskussion eine große Spannweite vom Soziologischen bis zum Politischen hin zu geben. Daß man als erstes Fachtreffen die Wirtschaftswissenschaftler der beiden Länder zusammenbrachte, war deshalb in mehr als einer Hinsicht ein glücklicher Griff der German Educational Reconstruction, jener vom Geist der Humanität getragenen privaten Organisation, die nichts von dem Beigeschmack ihrer vor sieben Jahren gewählten Bezeichnung an sich hat.

Nach den Jahren der Abgeschlossenheit eröffnete sich den deutschen Teilnehmern ein umfassender Blick in die seitherige Entwicklung der angelsächsischen Wirtschaftswissenschaft, wie er bisher noch nicht möglich war. Sie erlebten die in Deutschland immer noch schwer zugängliche Theorie von J. M. Keynes in der Lehre, wie sie heute in England dargeboten wird, und ihre Umsetzung in die wirtschaftspolitische Praxis. Hervorragende Vertreter der englischen Wirtschaftswissenschaft gaben Überblicke über die wirtschaftliche Lage Großbritanniens, über seine Einfügung in den Marshall-Plan und über die wirtschaftliche Rekonstruktion Westeuropas. Die Anstrengungen Großbritanniens, seine wirtschaftliche Selbständigkeit wiederzugewinnen, seine eigenen Produktivkräfte weiterzuentwickeln, sein wirtschaftliches und soziales Leben im Innern in Ordnung zu halten, treten als praktischer Sozialismus im besten Sinne des Wortes hervor.

Von besonderem Interesse waren die Ausführungen und freimütigen Diskussionen über die Nationalisierung des Kohlenbergbaus, der Energiewirtschaft, des Transportwesens sowie des Gesundheitswesens, über die Fragen des Außenhandels, über Einkommenverteilung, Steuersystem, Preis- und Lohnpolitik. Im Mittelpunkt aller Betrachtungen steht die volkswirtschaftliche Einkommenbildung und das social accounting, das heißt die Rechnungslegung über den wirtschaftlichen Güterkreislauf. Es ist das Verdienst J. M. Keynes’, diese volkswirtschaftlichen Bilanzrechnungen, die Berechnung des Volkseinkommens und seiner Verwendung als Grundlage der englischen Wirtschaftspolitik in den ersten Kriegsjahren eingeführt zu haben. Der jährliche Economic Survey und das Weißbuch über National Income and Expenditure gehören zu den meist beachteten Veröffentlichungen.

Die Notwendigkeiten und Schwierigkeiten deutscher Exportwirtschaft finden in den wissenschaftlichen und wirtschaftspolitisch maßgebenden Kreisen vollstes Verständnis und im Zusammenhang damit natürlich auch die Fragen des deutschen Umrechnungssatzes. Die Rückkehr zu ruinösem Exportwettbewerb wird ebenso ablehnt wie das Bestreben Deutschlands anerkannt, seiner Bevölkerung wieder einen angemessenen Lebensstandard zu schaffen, da dieser gegenwärtig – im Durchschnitt – erst kaum zwei Drittel des englischen Lebensstandards beträgt.

Selbstverständlich führt nicht immer ein gerader Weg von den wissenschaftlichen Erkenntnissen zur harten Praxis des Tages, doch ist es von größter Bedeutung, daß in England von den Vertretern der Wissenschaft, die dort in engerer Verbindung als bei uns unmittelbar am wirtschaftspolitischen Geschehen teilnehmen, eine objektive und nüchterne Erkenntnis der gegebenen Tatsachen und Lebensnotwendigkeiten ausgeht. Gerade aus diesem Gefühl der Gesamtverantwortung heraus erscheint manchem Engländer die deutsche Wirtschaftspolitik seit der Währungsreform „reichlich leichtfertig“. Es bedurfte daher vielfach der Erklärung, daß Bewirtschaftung und Preiskontrolle in Deutschland zu untauglichen Mitteln der Wirtschaftspolitik geworden waren und daß man mit ihnen die westdeutsche Wirtschaft nach der Währungsreform nicht wieder aufbauen konnte. Über den Grad von Eingriff und Freiheit wird sich natürlich im einzelnen stets streiten lassen. Vom Standpunkt der englischen wirtwirtschaftlichen. Mentalität her begegnete daher von den sechs deutschen Vorträgen derjenige über die Preis- und Lohnentwicklung in Deutschland dem größten Interesse, das sich bei keineswegs einheitlicher Auffassung auf deutscher Seite auch in besonders angeregter Diskussion zwischen Engländern und Deutschen bekundete. Anderseits wurde die Aufwärtsentwicklung seit der Währungsreform voll anerkannt, wenn auch mit den ebenfalls bei uns gemachten Vorbehalten hinsichtlich gewisser Verschiebungen in der Einkommen Verteilung und einem der wirtschaftlichen Lage Deutschlands nicht ganz entsprechenden Verlauf der Kapitalbildung und der Investitionen.

Nicht zuletzt bot der Besuch der wirtschaftswissenschaftlichen Büchereien in Oxford besondere Anregung, insbesondere der des University Institute of Statistics, dessen Leiter, Dr. F. A. Burchardt, die wissenschaftliche Organisation der Zusammenkunft in vorbildlicher Weise bewerkstelligt hatte. In einer weiteren Woche des Aufenthalts in London war Gelegenheit gegeben, mit englischen Dienststellen und Organisationen Fühlung zu nehmen, insbesondere auch mit der London School of Economics. Auch hier wurde seitens GER alles Erdenkliche getan, um Verbindungen herzustellen und Wünsche zu erfüllen. Persönliche Einladungen trugen dazu bei, die auf wissenschaftlicher Basis zustande gekommenen Beziehungen menschlich zu vertiefen und damit das ursprüngliche Ziel der Zusammenkunft zu erreichen. Deutsche Universitätsprofessoren, Fachleute der praktischen Wirtschaftsforschung und Angehörige der Wirtschaftsverwaltung, zusammengeführt auf der Grundlage wirtschaftswissenschaftlichen Erkenntnisstrebens, fanden für ihre besonderen Interessengebiete lebendige Anschauung von der „Freiheit in der Gemeinschaft“, die allein die Grundlage künftiger europäischer Lebensform bilden kann. A. J.