Von unserem England-Korrespondenten

E. G., London, Anfang Juni

Schmerzlose Geburten sind ein minder Punkt der Labour-Politik. Nicht nur, daß Gesundheitsminister Bevan sich in einer lebhaften Kontroverse mit den Konservativen darüber befindet, ob unter einem der wichtigsten britischen Nachkriegsgesetze, der Übernahme der gesamten Gesundheitsfürsorge durch den Staat, auch genügend Vorsorge für Betäubung bei Geburten getroffen wird. (Das Problem ist deshalb in England akut, weil die Mehrzahl der Geburten noch im Hause mit Hebammen erfolgt, die erst in der Anwendung einfacher Betäubungsgeräte unterwiesen werden müssen.) Die Labour Party möchte auch selbst schmerzlos gebären; sie würde viel darum gegeben haben, wenn auf dem Parteitag in Blackpool eine neue Politik mit wenigstens örtlicher Betäubung geboren würde. Doch die Verwandlung der Labour Party aus einer Interessentenpartei der Arbeiter in eine demokratisch-fort. schriftliche Partei ist ein langwieriger, schmerzensreicher Prozeß.

Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Wandlung der Labour Party sind dabei günstig. Man hat als Prinzip den Sozialismus, der geschmeidig genug ist, sich den Wandlungen des 20. Jahrhunderts im Denken und Wollen anzupassen. Das Gesundheitsgesetz demonstriert eine erfolgreiche Anwendung dieses Prinzips. Seine Kinderkrankheiten, wie die Inanspruchnahme der Optiker für mehr als vier Millionen Brillen oder die peinliche Kürzung zu hoher Vergütungen für Dentisten, werden die alte Haut abschütteln helfen, ohne die neue Gesundheit zu gefährden Die Popularität der „kostenlosen Gesundheit“ ist Labours beste Karte.

Doch Labour hat zu hartnäckige Mitspieler in den eigenen Reihen, die unbedingt auf eine andere Karte setzen wollen: die Sozialisierung. Ein wohlmeinender britischer Kritiker hat daraus die Mahnung abgeleitet, eines Tages könne die Labour-Führung vor der Wahl stehen, entweder eine sozialistische Partei (im Sinne einer sozialen Forderung jedes, einzelnen) oder eine Arbeiterpartei zu sein. Doch die Sozialisierer versprechen sich, von der Stahlsozialisierung Wunder, wenn es gilt, im Herbst oder im nächsten Frühjahr den „Treibholz-Wähler“ zu gewinnen. Gleichzeitig freien. sich die programmarmen konservativen Wahltaktiker über das großartige Geschenk einer zugkräftigen Wahlparole: die „Bürokratisierung der Bratpfanne“. Labour will es so: Nach einer undemokratisch scharf richterlichen Debattenkürzung im Unterhaus soll auch das Oberhaus durch eine bereits beschlossene Verfassungsreform überspielt werden, bevor es zur nächsten Unterhauswahl kommt.

Weder Attlee noch Morrison, Labours Wahlaktiker, scheinen sehr glücklich darüber. Doch sie sehen noch anderes mit Sorge: das Brett wirtschaftspolitischen Unverstands vor den Gewerkschaftsköpfen. Cripps gibt sich alle Mühe, England vor einer Inlandskrise zu bewahren, auch wenn das Gewitter über der Weltwirtschaft losbrechen sollte. Er fährt das Heu der Exporterlöse ein, solange draußen noch die Sonne scheint. Er möchte dadurch Zeit gewinnen für Preissenkungen und Leistungssteigerungen in England, damit eine unbefriedigende Abwertung des Pfundes vermieden werden kann, die zwar Englands Exporte für die anderen verbilligen, jedoch Englands Importe für die Engländer verteuern würde. Englands Gewerkschaftler jedoch wollen die Wolken nicht sehen, die über dem bereits geschnittenen Heu sich öffnen könnten und wollen den Regen nicht nutzen, damit der nächste Schnitt schneller heranreife. Sie sprechen wie der Mann, der dem Vollmond verbieten wollte abzunehmen, wenn sie Aufrechterhaltung der Sozialdienste also der Ausgaben, aber Senkung der Steuern, also der Einnahmen fordern. Die Gewerkschaftskritik am Cripps-Budget, die nicht aufhören will und die mit „Unruhen“ droht, falls nicht zum Herbst ein Sonderbudget komme, ist so ziemlich das schwierigste Hindernis, das die Labour-Anhänger ihrer Partei errichten können.

Nicht genug damit, daß sie mit ihrem Ruf nach einem größeren Schlag aus dem Kochtopf die anderen Bevölkerungsgruppen kopfscheu machen. Sie verschleiern auch vor ihren eigenen Anhängern die Notwendigkeit, mehr zu ernten, damit mehr in den Topf getan werden kann. Nur so erklärt es sich, um ein Beispiel zu erwähnen, daß an mehreren Sonntagen die Feiertagsschichten von 5430 Lokomotivführern und -heizern in Nordengland nicht gefahren werden und wild gestreikt wird, nur weil 96 Mann Zugpersonal auf Langstrecken einmal in der Woche nicht zu Hause übernachten, können. Es ist für Labour sehr schwierig, in einer derartigen Schmoll-Atmosphäre eine demokratische Wirtschaftspolitik zu entwickeln, die auch außerhalb der Arbeiterschaft die für eine Unterhausmehrheit erforderliche Unterstützung findet.