/ Von Erich Müller

In der Fülle der großen Namen, die die russische Dichtkunst des vergangenen Jahrhunderts aufweist, ist der früheste immer der glanzvollste geblieben. Trotz Dostojewskij undTolstoj galt von jeher und gilt zu Recht noch heute Alexander Puschkin als der russische Dichter schlechthin, als die einzigartige Verkörperung des dichterischen Genius seines Volkes. Obwohl die Russen bereits über ein Jahrhundert lang eine bestimmende Rolle in der Geschichte Europas spielten, hatte der Genius der Dichtkunst in Rußland lange und beharrlich geschwiegen, so als sei dieses Volk seiner eigenen Sprache nicht mächtig. Bis dann mit Puschkin der gewaltige, mitreißende Durchbrach erfolgte, schmerzhaft wie eine Geburt, aber zugleich glanzvoll wie das erste Aufleuchten eines noch unbekannten Gestirns.

Man hat Puschkin ob seiner Sprachgewalt, von der Übersetzungen schwerlich einen Begriff geben, mit Goethe oder Shakespeare verglichen, obwohl ihm der internationale Widerhall fehlt, der beiden eignet. Die Philologen haben seine Sprachleistung der Luthers als des Schöpfers der deutschen Schriftsprache an die Seite gestellt. Aber völlig dürfte nur der Vergleich mit Dante zutreffen, der wie Puschkin zugleich Dichter, Sprachschöpfer und unerreichter Klassiker seiner Sprache war.

Dieses Genie von europäischem Rang, dessen eigentliche Entdeckung Europa erst noch bevorsteht, ist auch durch seine Herkunft auf die seltsamste Weise ausgezeichnet. Vom Vater her einer altrussischen Adelsfamilie zugehörig, die schon in der vorpetrinischen Geschichte Rußlands ehe Rolle spielte, war er durch seine Mutter, Nadina Hannibal, zugleich ganz anderen Ursprüngen verbunden. Nicht zufällig verweist der Mutter Name nach Afrika: noch ihr Großvater, Ibrahim Hannibal mit Namen, war in Afrika geboren und von dort auf die abenteuerlichste Weise in das eben erwachende Rußland Peters des Großen verschlagen worden.

Welch ein Schrecknis einst für die Gläubigen des Rassenwahns – ein Neger als Ahnherr eines der größten Dichter der Weltliteratur! Freilich ist nicht alles, was aus Afrika kommt, darum auch negerischen Geblüts. Haben die Forscher recht, die in Puschkins afrikanischem Ahn, obwohl er seinem genialen Enkel Kraushaar und Wulstlippen vererbte, einen abessinischen Altharen vermuten? Puschkin selber, der ihm als dem Leibmohren des großen Peter eine Novelle gewidmet hat, hielt ihn für den Sohn eines abessinischen Ras. Andere halten es für wahrscheinlicher, daß er, der den Türken als Geisel diente, der Sohn eines arabischen Sultans von der Mittelmeerküste war. Er wurde 1703 vom Grafen Tolstoj, dem damaligen russischen Gesandten, in Konstantinopel gekauft und dem Zaren zum Geschenk gemacht. Der Zar ließ ihn taufen und schickte ihn 1716 nach Paris, wo er eine Militärschule besuchte und zeitweilig in der französischen Armee diente. Er lebte viele Jahre in Frankreich, wurde im Kriege gegen Spanien verwundet und ließ sich vom Zaren erst nach langem Bitten zur Rückkehr nach Petersburg bestimmen.

Hier überlebte er nicht nur seinen großen Gönner, sondern auch alle Wirren der Folgezeit. Eine Zeitlang war er als Major an der chinesischen Grenze Sibiriens stationiert und mußte nach dem Sturze der Dolgorukis lange Jahre in der Verborgenheit leben. Unter Peters Tochter aber, der Zarin Elisabeth, begann eine neue Glanzzeit für ihn: er wurde Generalmajor und Festungskommandant von Reval. Doch auch sie überlebte er und starb 1781 im Alter von 93 Jahren – nur knapp zwei Jahrzehnte vor seines großen nur knapp Geburt.

Alexander Puschkin war sich seines merkwürdigen Ahns nicht nur bewußt, er bekannte sich mit noch größerem Stolz zu ihm als zu seinen Ahnen aus dem Bojarenadel. Offenbar empfand er eine nahe Verwandtschaft zu ihm. Wie schon Aimée Dostojewskij – die Tochter des anderen großen Künders der russischen Seele – anderen hat, verdankt Puschkin dem afrikanischen Ahnherrn nicht allein seinen rassischen Typus, sondern auch die leidenschaftliche und glühende Wesensart und damit bestimmende Wesenszüge seines einzigartigen Dichtertums.