Von R. Großmann

Für die Generation der heute Fünfzig- oder Sechzigjährigen wird Karl Voßler immer noch als der Revolutionär der Sprachwissenschaft weiterleben, wenn auch die Jüngeren das, was den Studenten vor dem ersten Weltkrieg als eine Offenbarung erschien, längst als Selbstverständlichkeit in ihre wissenschaftliche Handwerkslehre übernommen haben. In jenen Jahren herrschte noch allgemein ein handfester Positivismus auf deutschen Hochschulen, als Philologe schätzte man sich glücklich, wenn man auf Grund minutiöser Quellenforschung möglichst umfassende und einwandfreie etymologische, phonetische oder syntaktische Tatbestände ermittelt hatte. In dieser – beinahe mechanischen Philologie – wirkte die Einsicht Voßlers: die Materialsammlung und die Methodenlehre allein tue es nicht, überraschend und neu. – Mit der alten Methode des Sammelns von Tatsachen wird noch nicht das geringste ausgesagt über das Wunderwerk der Sprache, die Geheimnisse ihrer Formung zum lebendigen Literaturwerk, das ein Ausdruck der Persönlichkeit seines Schöpfers sowohl wie der tausendfachen Kräfte seiner Umwelt, seiner Zeit, seiner Nation, aber auch eines säkularen Kulturerbes der Menschheit ist. Erst wenn man die Sprache als einen Schlüssel betrachtet, der das Tor zu solch umfassender Schau öffnet, gewinnt das Forschen in ihr den rechten Sinn. Vorher konnte man Kenntnisse sammeln – wo aber blieben die Erkenntnisse?

Das erste Werk, an dem Voßler seinen neuen Standpunkt im großen zur Demonstration brachte, war sein 1913 erschienener Band „Frankreichs Kultur und Sprache“, ein Musterbeispiel dafür, wie man sich die Wechselwirkungen zwischen dem inneren Bau der Sprache und ihrer geistigen Auswirkung im Laufe einer über tausendjährigen Entwicklung zu denken habe und welche (in diesem Fall spezifisch französischen) Wirkungskräfte es gibt, die immer wieder dafür sorgen, daß das richtige Gleichgewicht zwischen gehobener Literatursprache und praktischem Verkehrsidiom hergestellt und der aller fortschreitenden Zivilisation eigene Hang zur Abstraktion durch dauernde Blutauffrischung paralysiert wird. Trotzdem blieb die Sprachforschung im engeren Sinn für Voßler immer nur etwas Sekundäres, Mittel zum Zweck. Sein großes Anliegen war die Verschmelzung von Linguistik und Literaturwissenschaft auf der höheren Ebene einer allgemeinen Geisteswissenschaft. Verschmelzung ist ihm dabei mehr als bloße Summierung. Sie ist ein schöpferischer oder zum mindesten nachschöpferischer Vorgang. Darum muß der erste Schritt des ausdeutenden Wissenschaftlers darin bestehen, daß er mit vorsichtigem Stift die Umrisse des Kunstwerks aus den Verdunklungen und Flecken herauszuheben versucht, die das Mißverstehen der Generationen darumgelegt hat. Wie dies gelingen kann – auch dafür hat Voßler ein gültiges Beispiel gegeben: seine großartige Aufdeckung der religiösen, philosophischen, ethisch-politischen und literarischen Entwicklungslinien in Dantes „Göttlicher Komödie“ (1907), die eins der Spitzenwerke romanischer Geistesverfassung als Quintessenz des abendländischen Denkens von der Antike bis zum Jahr 1300, verkörpert in einem individuellen Genius, deutet.

Voßler hat dann nacheinander Leopardi (1923) und Racine (1926, vorher schon La Fontaine, 1919) untersucht, um schließlich, seit dem Anfang der Dreißiger Jahre, seine ganze Liebe den-Spaniern zuzuwenden, die ihn bis an sein Totenbett gepackt und nicht wieder losgelassen haben. Da beschwört er in „Lope de Vega und sein Zeitalter“ (1932) die Gestalt jenes Barockdramatikers herauf, von dem man nicht weiß, was das Größere an ihm gewesen ist seine anderthalbtausend Theaterstücke, Gedichte, Epen und Prosaerzählungen oder die Art, wie er mit einem Leben fertiggeworden ist, das ihn immer wieder vor neue Verwicklungen des Herzens und des Verstandes gestellt hat. Da reizt es ihn, in „Trrso de Molina“ (1940) einem Mönch nachzuspüren, der dem Theater mit Haut und Haar verfallen war und dabei weder aufhörte, Diener der Kirche noch Diener der Welt zu sein; an „Los de León“ (1943) zu zeigen, wie man im Abenddämmer der Renaissance ein tiefgründiger Religionsforscher an Spaniens scholastischster Universität und zugleich ein freier Geist und Dichter von hohen Graden sein konnte; und schließlich den Sprung über den Atlantik zu wagen und die mexikanische Nonne Ines de la Cruz (1941) zur Zeugin dafür aufzurufen, wie sie in einer Tochterkultur der spanischen, im Höhepunkt des Barock, die Verwunderung vor dem göttlichen Naturgeheimnis der Schöpfung offenbart.

Es ist ein universaler Standpunkt, zu dem Voßler hier vordringt. Universal nicht nur, weil er alles zusammenträgt, was für das Verständnis der ursprünglichen Konzeption des Kunstwerks an Kenntnissen über Lebensstil, Philosophie und Politik, äußere Struktur und innere Form der romanischen Welt nötig ist, sondern auch, weil er gleichzeitig diesen Reichtum dem deutschen Bewußtsein nahebringen will.

Spürt man den letzten Ursachen des besonderen Fluidums nach, das von Voßler ausgeht, so wird man es in seiner menschlichen Größe zu suchen haben. Er war ein Grandseigneur des Geistes, aber zugleich von einer Bescheidenheit und Hilfsbereitschaft beseelt, wie man sie selten trifft. Er wußte, wenn es darauf ankam, ebenso für die deutsche Wisssenschaft zu repräsentieren, wie er bescheiden hinter seinem Werk zurücktrat, wenn nur private oder interne Belange zur Diskussion standen. Alle, die ihn näher kannten, waren überrascht von der heiteren Überlegenheit seines Wesens, der Wärme seines Tones, aber auch im gegebenen Fall (der nach 1933 eintrat) von der Unbestechlichkeit seines Wesens und dem Festhalten an seiner Oberzeugung.

Diese Überzeugung Voßlers war die eines Weltbürgers der deutschen Gelehrtenrepublik. Er wußte um die gemeinsame europäische Aufgabe, die er immer und immer wieder am Beispiel der romanischen Kulturnationen vor Augen führte, aber er war sich ebenso bewußt, daß auch der größte Kosmopolit als Mensch. und Individuum immer mit seinem Volk und dessen Geschicken verbunden bleibt. Aus dieser Gesinnung heraus verstehen sich die Worte, mit denen er im März 1925 seine Bremer Vorträge über die romanischen Kulturen und den deutschen Geist abschloß: „Wenn die Sendung meines Volkes eine wesentlich andere wäre als die der anderen Völker, so wüßte ich nicht, wozu wir in Europa und auf Erden nebeneinander leben. In jedem Zeitalter waren, wie unsere geschichtliche Betrachtung zu zeigen versucht hat, die Aufgaben der Kulturvölker wesentlich dieselben. Das Ziel ist eines, die Wege dazu, je nach der Herkunft, sind tausendfältig gerichtet. Wenn durch Abstammung und Vergangenheit die Nationen verschieden und getrennt und wie der Einzelmensch individualisiert sind, so führt ihre Aufgabe sie in der Wirkung zusammen. Es ist das Verhängnis der Nationen, daß sie sich bekämpfen und schlagen müssen, um in der Sache, in der Wirkung und im Geist beieinander zu sein. Ob das Bewußtsein der Einheit im Zwist und der Brüderlichkeit im Krieg aus den Höhen des geschichtlichen, philosophischen und religiösen Denkens je in die Herzen der Völker herabsteigt? – ob es, wenn schon nicht den unerbittlichen Ernst, so doch die unmenschliche Gehässigkeit der Kämpfe zu mildern vermag? Man kann es nicht wissen. Man muß es hoffen.“