Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W., Berlin, Anfang Juni 1949

Vier Wochen nach „Aufhebung der Blockade“ sehen die Realisten von Berlin, wie Recht sie mit ihrer Skepsis gehabt hatten. Schwierigkeiten waren erwartet worden, vor allem aus der Abgeschlossenheit eines beinahe zwölf Monate währenden insularen Daseins. Sie sind größer geworden. Der Eisenbahnerstreik, der schon eine reichliche Woche nach der Blockadeaufhebung einsetzte, komplizierte mit seinen politischen Hintergründen einen ohnedies .. schwierigen Lebensstatus. Seine Ausstrahlungen ins Verkehrsnetz der Ostzone gaben der sowjetischen und ostzonalen Bereitschaft zu „technischen Schwierigkeiten“ abermals Anlaß, sich zu entfalten und hoben einen wesentlichen Teil der ersehnten Erleichterungen wieder auf.

Doch ist das innere Leben der Stadt dadurch keineswegs erstarrt. Man wendet sich im Gegenteil mit heftiger Kritik den Methoden zu, die die Westverwaltung für den Übergang wählt. Der Magistrat Berlin ist die Zielscheibe rollender Angriffe – aber nicht von der Ostseite der Stadt her – auf der vielmehr infolge des wachsenden westlichen Lebensstandards eine bescheidene polemische Zurückhaltung bemerkbar wird – sondern aus den eigenen Reihen: Die Frage Bewirtschaftung oder freie Wirtschaft, die sich in den Westzonen nach der Währungsreform gemächlicher von Gegenstand zu Gegenstand erproben ließ, wird hier von einer Praxis, die vom Improvisieren beherrscht wird, beinahe überholt. Die Stufenleiter des langsamen beinahe der Bewirtschaftungsmaßnahmen, die der Westen durchgemacht hat, wünschen verschiedene Instanzen des Berliner Magistrats getreulich nachzuexerzieren oder gar, der besonderen Lage Berlins zuliebe, noch gar nicht zu besteigen. Aber Handel und Industrie möchten sich diese im Westen bereits zurückgelegten Phasen ersparen und sogleich den Weg in die konkurrierende und initiativereiche Wirtschaft antreten.

Zum ersten Male brechen hierbei die inneren politischen Unterscheidungen bei den drei Westberliner Parteien auf, die der gemeinsame Kampf bisher verdeckt hatte. Der Magistrat der Stadt, aus der Zweidrittelmehrheit der im antikommunistischen Kampf aktivsten Partei, der SPD, gebildet, steht jetzt im Streit seiner planwirtschaftlichen Parteiideen mit der Einsicht der Bevölkerung, daß Preise durch Angebot und Nachfrage geregelt werden. Freilich belastet den Magistrat gerade die Umsicht, die er in den Blockademonaten haben mußte, um Vorratswirtschaft auf lange Zeit zu treiben und also Einkäufe zu bewerkstelligen, die ihm jetzt niemand mehr abnehmen will. Der Einbruch des freien Marktes mit allen seinen Produkten in das entblockierte Berlin hat die Berliner Preise beinahe unter die westdeutschen gedrückt. Dieser freie Markt hat die gesamte Planungsordnung des mit einer Blockade rechnenden Magistrats ungestüm über den Haufen gerannt.

Es gehört zu den Grotesken dieser Entwicklung, daß ein sozialdemokratischer Bezirksbürgermeister ihr Schrittmacher geworden ist. Der Bürgermeister von Kreuzberg, Kreßmann, immerhin der Bürgermeister einer dichtbevölkerten Stadt von etwa 200 000 Arbeitern und Mittelständlern, hat mit seiner Einführung des „grauen Marktes“, also der offiziellen Genehmigung des markenfreien Verkaufs, das ganze Gefüge der magistratlichen Höchstpreise und der Bewirtschaftung zum Einstürzen gebracht. Die Frage tauchte auf, ob die SPD ihrem „liberalen“ Bürgermeister den Parteiaustritt nahelegen würde. Dies geschah nicht – vermutlich, weil die Aktion Kreßmanns die breite Anhängerschaft eben der Massen gefunden hat, die nicht nur die Wähler, sondern auch die Mitglieder der SPD sind. So hat die neue Berliner Situation auch die führende Partei der Stadt, die SPD, zu einem Verhalten gegenüber der Wirklichkeit genötigt, das gewiß auch über den Nutzen und die Zeitbedingtheit politischer Programme manchen Aufschluß geben kann – und dies vielleicht nicht nur für Berlin.