Amerikanische Buchhändler haben einen früheren Zeitungsmann, Donald Gordon, in Lohn und Brot gesetzt, der alle Neuerscheinungen lesen und sie auf ihre Verkaufschancen prüfen soll. Dieser vielgeplagte Mann – er muß im Jahr von wenigstens 2000 neuen Büchern Kenntnis nehmen, und er tut dies schon seit Jahren – veröffentlicht allmonatlich seine Tips in einer kleinen Zeitschrift und rubriziert die Neuerscheinungen unter den Rubriken „Bomben“, das sind nach seiner Ansicht die sicheren Bucherfolge, „Blindgänger“ und „Zeitzünder“, das sind Versager und Bücher, die erst nach einer geraumen Zeit eine Chance haben, „best sellers“ zu werden.

Der Buchhandel schwört auf die Gordonschen Tips, obwohl dieser doch einmal das Malheur hatte, ein Buch unter die „Blindgänger“ einzureihen, das später in 868 630 Exemplaren abgesetzt werden konnte.

Görden gibt jedem Buch eine gute Absatzaussicht, auch wenn sein literarischer Wert minimal ist, sofern die Handlung in einer Umgebung spielt, die dem Durchschnittsleser bekannt ist. Fast alle Bücher aus dem amerikanischen Alltagsleben haben Erfolge, fast alle mit einer fremden Kulisse können sich schwer, durchsetzen.

Besonders ist es aber der Titel, der die Musik zu einer Erfolgssymphonie macht. Herr Gordon wundert sich deshalb keineswegs, daß ein mit Tabellen und wissenschaftlichen Anmerkungen angefülltes Buch von 600 Seiten, obwohl es sechs Dollar kostet und obwohl jede Aufmachung fehlt, in einem Jahr in fast einer Million Exemplaren verkauft wurde. Es handelt sich um das Werk von Dr. Kindsey „Das sexuelle Verhalten des männlichen Menschen“, das zu 80 Prozent von Frauen gekauft wurde. „Mit einem solchen Titel“, sagt Herr Gordon, „könnte ein Buch mit chinesischen Schriftzeichen in Amerika ein Erfolg werten.“

Gordon, der dem Geschäft der besoldeten Leseratte – jedes Buch bringt ihm 25 Dollar Prüfungsgebühr ein – in seinem Landhaus in Westfield, New Jersey, obliegt, gibt allen Autoren den Rat, in ihren Erzählungen volkstümliche Ausdrucksweise, aristokratische Figuren, Religion, Humor und „sex appeal“ zu vereinigen, und meint, daß 80 von 100 Lesern ein Buch kaufen würden, das etwa mit folgendem Satz beginnt: „Verflucht“ (volkstümlicher Ausdruck), sagte die Herzogin (Aristokratie) zum Bischof (Religion) und kreischte vor Lachen (Humor), „lassen Sie mein Bein (sex appeal) los... A. B.