Den Wonnemonat haben sich die Winzer im Rheingau und in der Pfalz zu ihren Weinversteigerungen auserkoren. Aber von Wonne war in diesem Mai wenig in den Rebgärten und in den Weinversteigerungsorten zu verspüren. Nach zehnjähriger Pause stiegen erstmals wieder die freien Weinangebote im Rheingau, dem kleinsten, aber qualitätsmäßig besten deutschen Weinbaugebiet. Allerdings geschah dies unter schlechten Vorzeichen auf die Ernteaussichten des Jahres 1949. Denn die Hoffnungen auf ein gutes Weinjahr sind, will man nicht ganz und gar pessimistisch sehen, durch Maifröste und schwere Regengüsse zumindest stark gefährdet. Im Zeichen der wachstumsbeeinträchtigenden Wettersituation, der manche Weinbauern nach mühevoller Arbeit und erheblichen Unkosten trostlos gegenüberstehen, stellten sich nun die Rheinga’-er und Pfälzer Spitzenweine dem Großhandel vor.

Wenn auch 1948 ein allgemein gutes Weinjahr war und die Fachleute die Ernte als „einen durchaus ernst zu nehmenden Tropfen“ anpreisen, so darf nicht übersehen werden, daß der Wein knapp ist. Vereinzelte Verkäufe unter der Hand sind kein Beweis für größere Lagerbestände in den Kellern, so wie es in den Vor-Wegsjahren üblich war, und damit erst recht nicht für einen merklichen Preisabfall der Flaschenweine, die gegenwärtig noch in reicher Auswahl in Ladengeschäften und Weinlokalen zu haben sind. Offenbar würde eine wesentliche Verbilligung des Weins eine Deckung der umfangreichen Unkosten, die die Winzer nach der Kriegszeit (Neuanschaffungen, gründlichere Bewirtschaftung der Weinberge durch neue Geräte und Spritzen, gestiegene Lohnkosten, Ertragsausfall durch Kälteeinbruch und Schädlingsbefall) zu tragen haben, nicht mehr befriedigen können.

Auf den Weinversteigerungen in Eltville, Deidesheim und Rüdesheim zeigte sich eine der Qualität der dargebotenen Weine angepaßte Preistendenz. Die Rheingauer Weine behaupteten sich als Spitzenreiter des deutschen Weinbaues. Das Angebot der meisten Jahrgänge des letzten Jahrzehnts hielt sich in enggezogenen Grenzen und ließ darauf schließen, daß abgelagerte Weine, meist nur noch Restbestände, mit einem verhaltenen Abwarten zum Verkauf gestellt werden. Der 1947er Rauenthaler Gehorn-Auslese-Cabinet, ein Wein vollkommener Güte, wurde mit 12 000 DM für das Halbstück gehandelt (ein Halbstück faßt 600 Liter, also rund 750 Flaschen). Winkler Hasensprung-Auslese, Schloß Johannisberg-Auslese, Marcobrunner-Auslese, alles edle Weine aus der köstlichen Reife des Jahres 1945, die sich durch pikanten, lieblichen Geschmack auszeichnen und eine lange Lagerfähigkeit besitzen, waren nur in einigen Kostproben vorhanden. Rüdesheimer Burg-Lay-Spätlese Jahrgang 1947 erzielte den Preis von 9000 DM, 1947er Johannisberger – Auslese 6500 DM, der Hattenheimer, in prächtiger goldener Farbe, 5000 DM für das Halbstück. Der Rüdesheimer 1948 lag mit 3000 DM unter der allgemeinen Preislage, ebenso der Hattenheimer und Hochhäuser des gleichen Jahrgangs.

Obwohl der Rheingau als führend für die Marktregulierung anzusehen ist, bleibt abzuwarten, ob sich nicht eine leichte Verschiebung der Preise nach unten bemerkbar machen wird, wenn Importweine aus Italien, Frankreich, Spanien, Portugal und Chile in Konkurrenz treten.

Die süffigen Pfälzer Weine, von geringerer Lagerfähigkeit, gingen bei der Deidesheimer Versteigerung über 8400 DM je Halbfaß nicht hinaus und hielten nach unten die 3000-DM-Preislage inne.

Allgemein stehen Qualitätsweine im Voidergrund der Nachfrage. Es ist also bei dem jetzigen Preisgefüge für Weine festzustellen, daß derjenige, der sich eine Flasche Wein abspart, einen guten Tropfen trinken will, um in erster Linie qualitätsmäßig auf seine Kosten zu kommen. Der Weintrinker von heute ist merklich mehr „Genießer“ als in früheren Jahren, nicht zuletzt wegen des langjährigen Verzichts auf einen guten Tropfen. -l.