Der 81. Kongreß hat seinen ersten sensationellen Untersuchungsfall. Seit dem 1. Juni wird auf dem Kapitol in Washington in einen Versammlungsraum des Senats die öffentliche Untersuchung über die Tätigkeit der staatlichen Atom-Energie-Kommission (AEC) mit allen äußeren Merkmalen einer großen kongressionalen Schau geführt. Hauptankläger ist Senator Bourke B. Hickenlooper, das führende republikanische Mitglied des Vereinigten-Atom-Energie-Komitees, der vor einiger Zeit in einem offenen Brief an Präsident Truman die Abberufung des Präsidenten der AEC, David E. Lilienthal, wegen „unglaublicher Mißwirtschaft und schlechter Verwaltung gefordert hat. Mr. Lilienthal nahm diesen Brief dann seinerseits zum Anlaß, um in einem Schreiben an den Vorsitzenden des Vereinigten Komlitees, den demokratischen Senator McMahon, zu bitten, eine eingehende Untersuchung der gesamten Tätigkeit der AEC durchzuführen.

Die bisher vorgebrachten Anschuldigungen des Senators Hickenlooper behandeln den angeblich häufigen Wechsel von Personal. Einstellungen ohne die vorherige gesetzlich vorgeschriebene Unbedenklichkeitserklärung der bundesstaatlichen Geheimpolizei, die Gewährung eines Stipendiums an einen Doktoranten, der eingeschriebenes Mitglied der Kommunistischen Partei war, Überschreitung von Kostenvoranschlägen und Verlust von 5 Gramm Uran-Oxyd U 235. Ob diese Fälle ausreichend sind, um den Untersuchungsausschuß des Kongresses davon in überzeugen, daß tatsächlich eine Abberufung Lilienthals notwendig sei, erscheint fraglich. Jedenfalls genügten sie, um alle diejenigen Kräfte zu einem Generalangriff auf den Plan zu rufen, die aus politischen, wirtschaftlichen und militärischen Gründen mit der AEC oder der Person ihres Präsidenten nicht einverstanden sind.

Politisch kann der Ausgang der Untersuchung eine gewisse Bedeutung für die kommenden Kongreßwahlen im Jahre 1950 haben. Der Republikaner Hickenlooper gehört zu den Senatoren, die neu gewählt werden müssen. Iowa, das ihn 1944 in den Senat entsandte, hat bei der letzten Wahl Im November 1948 demokratisch gewählt. Als Sieger im Kampf gegen die AEC jedoch hätte Hickenlooper einige Aussichten für die Wiederwahl.

Für die Privatwirtschaft ist der Kampf gegen Lilienthal nicht weniger wichtig. Aus der Zeit, als Lilienthal Präsident der Tennessee-Valley-Administration war, wird ihm nachgesagt, er habt mit Hilfe der ihm zur Verfügung stehenden öffentlichen Mittel die wirtschaftliche Überlegenheit von Staatsbetrieben gegenüber Betrieben der Privatwirtschaft beweisen wollen. Kreise in der Privatwirtschaft, insbesondere Besitzer von Kraftwerken, sind daher seit der Berufung Lilienthals an die Spitze der AEC in Sorge, daß auch die Atom-Kraftwerke der Zukunft Staatseigentum werden könnten.

Schließlich ist es nicht zu verwundern, wenn sich an dem gegenwärtigen Feldzug gegen die AEC auch diejenigen beteiligen, die eine Rückgabe der Atom-Energie-Forschung aus der Zivilverwaltung in militärische Hände wünschen. Im Jahre 1946 war diese grundsätzliche Frage durch die Erkenntnis der Mehrheit des Kongresses, daß eine zivile Kontrolle der Atom-Energie-Forschung für die Erhaltung der Demokratie in den Vereinigten Staaten wesentlich sei, zuungunsten der Militärs entschieden worden. Doch deren Unzufriedenheit ist seitdem ständig gestiegen. Erst vor wenigen Monaten hat der damalige Verteidigungsminister James Forrestal dem Präsidenten Truman empfohlen, die Aufsicht über die Herstellung und Weiterentwicklung der Atomwaffen wieder an militärische Stellen zu übertragen. Truman, dem durch die Atom-Energie-Akte die letzte Entscheidung für Herstellung, Beaufsichtigung und Einsatz der Atomwaffen übertragen ist, lehnte damals diesen Vorschlag glatt ab, und es scheint, als ob er noch immer genau so kompromißlos für die Sache Lilienthals eintritt

Zu den jüngsten Angriffen auf die AEC ließ er jedenfalls eine Erklärung veröffentlichen, in der er fordert, die Leute sollten endlich damit aufhören, jedesmal hysterisch zu werden, wenn das Wort „Atom“ falle. Nach seiner Ansicht werde das Atom-Energie-Projekt schon jetzt im Hinblick auf die Wahlen des Jahres 1950 zu parteipolitischen Zwecken benutzt, und im übrigen habe Mr. Lilienthal „seine Sache gut gemacht“. Diese eindeutige Stellungnahme ist ein empfindlicher Schlag gegen die Gegner der AEC. Und wenn sie nicht neue schwerwiegende Anklagen vorbringen, dürften sie kaum Aussicht haben, ihre Ziele zu erreichen. Ernst Krüger