So wahr es ist, daß die Pflege des zeitgenössischen Schaffens noch am ehesten einen Dirigenten als „Kulturfaktor“ auszeichnet, so wahr ist es auch, daß es einige zeitlose Werke gibt, an denen sich das künstlerische Format eines Orchesterleiters am deutlichsten erweist. Als Dr. Hans Schmidt-Isserstedt – zutreffend gerühmt als ein „Avantgardist“ – die „Neunte“ auf das Schlußprogramm der Hamburger Konzerte seines Rundfunk-Symphonie-Orchesters setzte, bestanden bei jenen Musikfreunden, die den aus Hamburg scheidenden Eugen Jochum eher zu loben geneigt sind, Zweifel, ob das so sehr auf Sachlichkeit zielende Temperament Schmidt-Isserstedts den Ansprüchen Beethovenscher Ekstase würde gerecht werden können. Nun, es wurde eine Aufführung, die den Chef des NWDR-Orchesters als einen Dirigenten, größten Formats bestätigte, Seinem Temperament blieb er treu –: andere Taktstockherrscher (Männer mit Weltruf unter ihnen) können, wenn sie die „Neunte“ nicht genug daran tun, herzschmerzend tragisches Gefühl aus den Melodien zu pressen und Dämonie dort aufschweben zu lassen, wo Klarheit herrschen müßte; aber Schmidt-Isserstedt tat nichts dergleichen. Er folgte genau der Architektur des ewigen Werkes; es war eine sachliche, dienende Begeisterung, die ihn beseelte. Die Ecksätze waren sehr dramatisch vorgetragen; kaum jemals hat man den langsamen Satz so von Klarheit durchsonnt, so „logisch“, so beethovensch gehört, und da sich der Kapellmeister als ein Meister der Selbstbeherrschung zeigte, wurde der Schlußchor an die Freude wirklich zum Höhepunkt gestaltet, zum entfesselten Jubel.

Das Konzert, in dem sich nicht nur Schmidt-Isserstedts Orchester, sondern der Rundfunkchor und die Solisten Annelies Kupper, Maria-Louise Schilp, Walther Ludwig und F. F. Frintz hervorragend bewährten, wurde an einem der drei für die Aufführung der „Neunten“ vorgesehenen Abende zum Besten der „Norwegischen Europahilfe“ gegeben. Das ist eine Stiftung, die der in Amerika naturalisierte Norweger Arne Torgersen angeregt hat. Sie will vor allem den in westdeutschen Lagern lebenden Flüchtlingen die Mittel schenken, daß ihnen in Konzerten, Vorträgen, Rezitationen oder Theateraufführungen die Kunst als Trösterin erscheinen kann. übrigens wurde Beethovens „Neunte“ auf den Sender Oslo übertragen –: zum ersten Male seit dem Kriege ein deutsch-norwegisches Konzert. Wie bedeutsam, daß es gerade dieser Anlaß war und gerade dieses Werk mit seinem Gesang an die Menschheit und Menschlichkeit! Und wie verheißend! Josef Martin