Von Hans Ulrich Gasser

Die Leidenschaft für Gärten gehört zu den wenigen, ganz ernst genommenen Dingen der Engländer, vielleicht nur, weil dies mit dem Begriff „Home“ verknüpft ist, vielleicht, weil es ihnen Gelegenheit gibt, ihrer Ausschweifung – der einzigen übrigens, die sie sich gestatten – im Herstellen und Besitzen von Qualitätsprodukten zu fröhnen. Die Liebe zum Garten ist in jedem Engländer tief und fest verwurzelt; der Park wurde hier erfunden. Wer es sich nicht leisten kann, eine im Horizonte verschwindende, künstlich angelegte Landschaft mit gestautem See zu besitzen, der hat zum mindesten einen Garten mit einem Rasen, dessen Samtgrün bekanntlich davon herrührt, daß man ein Stück Gras hundert Jahre lang mäht und rollt, und dann nochmals hundert Jahre dasselbe tut. Die ganz Bescheidenen haben ein Gärtchen hinterm Haus, ein blumengepolstertes Felsgebilde, wo viele Pflanzen wachsen. Darum hat jede englische Zeitung einen Gartenkorrespondenten, und niemand wundert sich, daß die alljährlich im Londoner Stadtviertel Chelsea stattfindende große Blumen- und Gartenausstellung zu den besonderen Ereignissen der Saison gehört. Diesmal zeigte sie zum erstenmal nach dem Krieg wieder ihre friedenszeitliche Pracht.

Die drei abgestuften Besuchstage sind eine typische Manifestation des britischen Wesens. Denn am ersten, dem privaten Tag, erscheint die Königin, nur von einigen Herren gefolgt, Priestern des Nelken-, Dahlien- oder Rosenkults, und begleitet von Vertretern des diplomatischen Korps. Am Nachmittag wird die Presse zugelassen, die Radiokommentatoren, die Mitglieder der Königlichen Gartenbau-Gesellschaft. Es folgt der zweite Tag – die Schnittblumen sind noch in schönster Taufrische – mit einem Eintrittspreis, der recht beträchtlich ist, was denn auch das Publikum dementsprechend färbt. Die Society erscheint, und zwar auch aus der Provinz, von den Landsitzen, in uralten Rolls Royces mit Mahagony – Karosserien, zitronengelben, turmhohen Kabrioletts aus den zwanziger Jahren und mit Damen, deren Kleider die merkwürdige weibliche Eigenschaft veranschaulichen, jener Mode stets treu zu bleiben, welche zur Zeit herrschte, als man selbst jung und schön genannt wurde.

Am dritten Tage senkt sich der Eintrittspreis auf ein volkstümliches Niveau und es zeigt sich, daß Blumen, auch wenn sie noch so gehegt werden, eben doch einmal welken müssen – ein Umstand, der es mit sich bringt, daß die ganze Pracht, die meilenlangen, durch weiße Zelte führenden Korridore aus Rosen, Wicken, Lilien, eine Stunde vor Toresschluß zu sehr vernünftigen Preisen ausverkauft werden

Die Flower Show findet in einem Parke statt; sie ist jedoch kaum ein Freiluftereignis, da sie fast ausschließlich in haushohen, länglichen Zirkuszelten untergebracht ist, was ihr einen Stich ins Akademische gibt. Man betritt zuerst die Abteilung der Raritäten mit Blumen aus den Höhen der peruanischen Anden, weit über der Schneegrenze gedeihend, die Tiere fressen und wie Hartgummibestandteile aussehen. Man gewahrt die monstruösen, filzartigen Blumenwucherungen aus südafrikanischen Geröllhalden oder eine winzige, schwarze Schwertlilie aus Mexiko. Von da geht es zum Zelte der Orchideen-Narretei. Ein nicht endenwollender Korridor, der ausschließlich von dieser unheimlichen, ausgelassenen und leicht anrüchigen Blumenfamilie gebildet wird, darin sich jede Art dieser Gattung einem entgegenbiegt, zeigt auf das anschaulichste, wie diese Sippe gleichsam jede normale Blumenart, von der Lilie bis zum Wiesenschaumkraut, imitiert. Es gibt hier Arten, die nur unter den Bögen eines Wasserfalls gedeihen, was den Züchter zwingt, einen solchen im Treibhaus zu rekonstruieren. Das Ergebnis jahrelanger Versuche ist das besondere Grünlich-Weiß einer Üppiglippigen. Und eine kaum daumenhohe, aus dem faulenden Aste sprießende Schmarotzerin ist kurzerhand schwarzweiß kariert und hat einen so verkniffenen Blumenmund, daß man sich abwendet und aus dem Geruch, der an nasses Pelzwerk erinnert, hinübergeht zu den Tempeln der englischen Lieblingsblume, den wohlriechenden Wicken, die hier in Prachtexemplaren und armweiten Büscheln aufleuchten.

Bei den Gemüsen tobt sich der englische Superoritätskomplex aus. Es gibt Pyramiden von Spargeln, dreifingerdick, an die man kaum zu glauben wagt, Bündel von Lauch, makellos, gleich jenen Marzipannachbildungen, nur ins Unwahrscheinliche vergrößert, Pilze mit schinkenähnlichen Lamellen, gelbe Tomaten, Pfirsiche auf Wattepolstern, gleich Juwelen gruppiert, Türme überreifer, gesprenkelter Aprikosen, kunstvoll aufgebaute Erdbeerenpyramiden, nach den mannigfachen Arten geordnet, die meist Namen verstorbener Admirale oder schöner Frauen aus der Epoche Eduards VII. führen.

Dann schlägt die Stunde. Es ist fünf Uhr nachmittags, und bald schließen sich die Tore. Ein Gärtner macht den Anfang, indem er eine schwerwippende Garbe weißer Orchideen abschneidet und sie veräußert, worauf eine lautlose Geschäftigkeit einsetzt, eine wilde Kauflust, ein Drang zum Besitz dieser Üppigkeit, der bald nichts mehr übrig läßt, als leere, moosbezogene Regale, die blechernen Kelche, darin all die Pracht steckte und, auf dem Flur verstreut, ein Meer herrenloser Blumenköpfe, die den Kampf nicht überlebten.