Jetzt erwies sich, daß die Sargkammer etwa einen Meter tiefer lag als die Vorkammer. Carter nahm die Lampe und ließ sie hinab. Ja, er stand vor einem Totenschrein! Der Schrein war so groß, daß er fast die ganze Kammer ausfüllte. Carter fand nur einen etwa 65 Zentimeter breiten Gang zwischen Schrein und Mauer. Er müßte sich mit Vorsicht bewegen, denn auf diesem schmalen Gang waren überall Totengaben aufgestellt. Später ergab eine genaue Messung: die Maße des Schreins waren 5,20 X 3,35 X 2,75 Meter. Er war tatsächlich von oben bis unten mit Gold überzogen, in die Seiten waren Füllungen von leuchtend blauer Fayence eingelassen, bedeckt mit Zauberzeichen, die dem Toten Schutz gewähren sollten.

Die brennende Frage: Hatten die Räuber Zeit gefunden, auch in diesen Schrein einzudringen? Hatten sie die Mumie geschändet? Carter entdeckte, daß die östlichen großen Flügeltüren des Schreins zwar verriegelt, aber nicht versiegelt waren. Mit bebender Hand wurden die Querriegel zurückgezogen und knarrend schlugen die Türen auf. Ein zweiter Schrein kam zum Vorschein! Auch er hatte verriegelte Türen. Und auf diesen Riegeln befand sich ein unversehrtes Siegel!

Carter atmete hörbar auf. Immer waren bisher die Räuber vor ihnen dagewesen. Hier nun, und zwar vorm wichtigsten Stück des Grabes, waren sie selbst die ersten! Unberührt würden sie die Mumie vorfinden, so wie sie vor mehr als dreitausend Jahren gebettet worden war! Die Tür wurde wieder geschlossen – „so leise wie möglich“. Carter und Lord Carnavon fühlten sich als Eindringlinge. Sie hatten das fahle leinene Bahrtuch bemerkt, das über den inneren Schrein herabhing. „Wir fühlten, daß wir in Gegenwart des toten Königs waren und ihm Ehrfurcht erweisen mußten.“

Sie gingen zum anderen Ende der Kammer. Dort fanden sie eine niedrige Tür, die in eine weitere, doch ziemlich kleine Kammer führte. Sie konnten von ihrem Standpunkt aus alles überblicken, was diese Kammer enthielt. Und wir müssen uns vorstellen, was es bedeutet, wenn Carter nach all dem, was er bisher in diesem Grabe gesehen hatte, sagt: „Ein einziger Blick genügte, uns zu zeigen, daß sich hier die größten Schätze des Grabes befanden!“ Aus der Mitte leuchtete ihnen ein goldenes Denkmal entgegen, das weit über allen bloßen Prunk hinaus in seinen vier Schutzgöttinnen eine solche Anmut, Natürlichkeit und Lebendigkeit, soviel Mitgefühl und Bitten um Erbarmen ausstrahlte, „daß man das Anschauen fast als Entweihung empfand“. Carter schreibt in der Erinnerung: „... ich schäme mich nicht, einzugestehen, daß es mir unmöglich war, auch nur ein Wort herauszubringen.“

Es ist nicht möglich, bei den Einzelheiten und kleinen Vorkommnissen zu verweilen, die das Öffnen der Särge mit sich brachte. Langwierig war die Arbeit und in dem engen Raum stets von der Gefahr bedroht, daß ein Fehlgriff, ein falsches Ansetzen des Flaschenzugs, ein brechender Stützbalken schwere Schädigung der Schätze bringen konnte. Genau wie auf dem Deckel des ersten Sarges lag auch auf dem des zweiten der junge Pharao in feierlichem Pomp, reich geschmückt in der Gestalt des Osiris. Kein anderer Anblick bot sich, als der dritte Sarg frei wurde. Bei all dieser Arbeit war den Beteiligten das unerklärliche Gewicht der Särge aufgefallen. Und hier gab es wieder eine der Überraschungen, die in diesem Grab nicht abbrechen sollten. Als Burton seine Aufnahmen gemacht hatte, als Carter den kleinen Blumenkragen und das schützende Leinentuch entfernt hatte, da löste sich beim ersten Anblick das Rätsel des ungeheuren Gewichts. Der dritte, 1,85 Meter lange Sarg bestand aus massivem Gold, zweieinhalb bis dreieinhalb Millimeter stark; allein im Materialwert nicht abzuschätzen!

Zu dieser Überraschung aber, die man wohl eine gute nennen kann, gesellte sich sofort eine zweite, die bei den Forschern schlimme Befürchtungen hervorrief. Schon beim zweiten Sarg hatten sie feststellen müssen, daß die Schmuckornamente unter einer Feuchtigkeit gelitten haben mußten. Nun zeigte sich, daß der ganze Raum zwischen dem zweiten und dritten Sarg fast bis zum Deckel mit einer schwarzen festen Masse ausgefüllt war. Eine doppelte Halskette aus Gold- und Fayenceperlen konnte von dieser pechartigen Masse zwar vollständig gereinigt werden, aber es erhob sich für die Forscher die beängstigende Frage: Welches Unheil hatten die offenbar unmäßig angewendeten Salböle an der Mumie angerichtet? Als nämlich einer der Mitarbeiter das letzte Leinentuch und den Blumenkragen mit Fayenceperlen, die beide wohlerhalten aussahen, berührte, zerfielen sie. Die heiligen Die hatten sie vollkommen zersetzt!

Einige Goldnägel wurden gelöst, dann wurde der Deckel des letzten Sarges an seinen Goldgriffen aufgehoben und die Mumie aufgedeckt. Tut-ench-Amun, nach dem sie sechs Jahre lang gesucht hatten, lag leibhaftig vor ihnen! „In solchen Augenblicken“, sagt Carter, „versagt die Sprache!“