Bei dem Treffen der deutschen Spitzenspieler im Tennissport, das während der Pfingsttage in Hamburg stattfand, bewies Gottfried v. Cramm, daß er den Titel des deutschen Meisters immer noch zu Recht trägt. Er gewann überlegen (womit nichts gegen die Qualitäten des Nachwuchses gesagt werden soll). Dem kürzlich in Berlin ausgetragenen ersten internationalen Tennisspiel nach dem Kriege kommt jedoch – obwohl oder weil v. Cramm von dem Amerikaner Frank Parker besiegt wurde – größere Bedeutung zu; denn es war damit gleichzeitig das „come back“ des bekannten Tennisklubs Rot-Weiß in Berlin-Grunewald verbunden.

Zum ersten Male nach dem Kriege gab es das faszinierende Bild einer großen gesellschaftlichen Veranstaltung rings um den klassischen, weltberühmten Centre Court von Rot-Weiß in Berlin...“ So oder ähnlich schrieben die Berichterstatter in den ersten Junitagen. Es war eine selige Stimmung, eine Art come back einer Weltgeltung, die mit vielem anderen in den Bomben- und Katastrophen tagen der letzten Kriegsjahre in Schutt und Asche gesunken war. Die Sport- und Gesellschaftsglossisten von Berlin träumten schon lange von der Renaissance des berühmten Tennisklubs am Hundekehlensee, der einst internationales „flair“ ausgeströmt hatte. Aber es gehörte mehr dazu als nur die großen Cracks und die sammetweichen Plätze. Die Berliner Gesellschaft mußte mitspielen, so, wie sie es früher getan hatte – eine Gesellschaft, die meist selbst das Rackett kaum zu führen wußte, aber um so mehr im „Gotha“, in der Geldaristokratie oder in der Diplomatie der Weltstadt beheimatet war. Ob es sie noch oder wieder gab, das mußte erprobt werden. Bisher konnte es auf keinem Empfang des Berliner Magistrats, keinem Ball des Presseverbandes festgestellt werden.

Der Versuch wurde lange vorbereitet: durch Notizen, Nachrichten und Schilderungen darüber, wie Stück um Stück aus den Trümmern am Grünewald wieder die Plätze von Rot-Weiß im Grünen entstanden. Männer wurden genannt, die den Klub übernommen“ hatten, „neue“ Persönlichkeiten aber nur, soweit sie nicht im öffentlichen polemischen Felde erscheinen mußten. Das Gepäck alter Namen schien gediegener als der frische Schnörkel neuer Leistung. Und dann setzte die Suche nach dem Ereignis ein. Ein deutsches Turnier mit deutschen Teilnehmern allein – so überlegte man – hätte schwerlich die Probe bestätigt, denn selbst die Unerfahreneren im Sport wußten, daß auch die gegenwärtige deutsche Spitzenklasse an Ansehen und Können lange von anderen, von den Amerikanern vornehmlich, überrundet war.

Doch man hatte Gottfried v. Cramm. Und man hatte seine Beziehungen zum Mister G., dem tennisspielenden König, zu den britischen heiligen Hallen von Wimbledon und zu den Turnierplätzen des Kontinents. Noch gibt es Verdikte über Deutschland, die den Sportverkehr mit diesem Lande hindern. Noch sieht Deutschland den Davispokalrunden nur von Ferne zu. Doch der Tennisfreiherr schaffte es. Sein Ansehen übersprang die politischen Reglements und brachte zum ersten Male einen amerikanischen Weltklassenspieler nach Berlin. Unmittelbar von Paris war der frischgebackene Sieger der französischen Meisterschaften, Frank Parker, in die Viersektorenstadt geflogen.

Der neue „Centre Court“ war festlich geschmückt, von blendend weißen Linien durchzogen, aus seiner Tiefe zu beiden Seiten reckten sich die riesigen Ränge, die den Himmel zu begrenzen schienen, und hinter seiner Stirnseite prangte wie einst das verheißungsvolle Schild „Ehrenloge“. Man erinnerte sich, wie hier ehedem die schweren Korbsessel nebeneinander standen. Nun waren es Stühle, etwas karge Gartenstühle, und weiter hinten wurden sie sogar von unansehnlichen Holzbänken abgelöst. Auf die Ehrenloge richteten sich aller Augen. Da gab es natürlich Uniformen: amerikanische und englische, schottische Käppis zwischen ihnen, dazu das schottische Bambusstäbchen der britischen Offiziere und die steifen Kappen der Franzosen – die vorderste Fassade der Society von Berlin. Und dann waren die anderen da, die Stars von den Bühnen (nicht viele freilich und auch nicht alle sehr berühmt), Männer aus der Industrie, ein paar bekannte Anwälte, der Chirurg von der großen Klinik, der Stadtrat, einige Bezirksbürgermeister von der bürgerlichen Côte der SPD... Auch die Ränge waren vollbesetzt. Zum ersten Male gingen noch nicht sehr blütenweiß gekleidete Zigarettenverkäuferinnen und der Eishändler von Bank zu Bank.

Draußen parkten Wagen, schnittige chromsilberglänzende, aber auch ramponierte schwerfällige und Lieferwägelchen. Als das entscheidende Spiel so unerwartet schnell vorbei war, legte sich über die Hallos von Bank zu Bank, über die großen Stehkonvente und über die Kaffeeterrassen der Meltau der bitteren Enttäuschung. Gottfried v. Cramm hatte verloren. Niemand konnte etwas anderes erwartet haben. Doch nun stellte sich heraus, daß die Probe auf die Wiederkehr von Rot-Weiß mehr hatte sein sollen als die Wiederkehr eines Lebensstils. Den Gewinn, mindestens aber das Remis hatte man sich als Resultat für das come back gewünscht, sowohl für das von Rot-Weiß als auch für das von Gottfried von Cramm. Er war über ein Jahrzehnt der unbesiegbare Herr dieses Platzes. Nun unterlag er glatt gegen den Stärkeren, den Jüngeren. Daß er an diesem Tage belastet gespielt habe, will ihm die Gesellschaft von Rot-Weiß nur zu gern bescheinigen. Sie will entschuldigen, nicht, weil sie unfair gegenüber dem großen amerikanischen Gast (dem ersten auf einem deutschen Tennisplatz,nach dem Kriege) ist, sondern weil sie für sich fürchtet: für das Mißlingen des come back der Gesellschaft von damals. K. W.