Von Bert Koch

Am Morgen hatte ich mir rote und gelbe Tulpen, alle mit kurzen Stielen und nur noch einem Blatt, auf den kleinen Tisch zwischen die Bücher gestellt. Da die Vase niedrig ist und einen ausladenden Rand hat, hingen sie alle nach außen und abwärts.

Oft am Tage hatte ich sie betrachtet und mich in bewußter Hinwendung an ihnen gefreut. Und noch im Darüberhinsehen war jedesmal ihr vertrauter Klang von Schönheit und leuchtender Farbe zugegen. Sie waren mir die sichtbare, gegenwärtige Wirklichkeit von dem, was überall draußen in unendlicher Vielfalt, in Zartheit und Stärke an Schönheit und Freude erfahrbar ist.

Gegen Abend hatte ich sie für eine Weile verpassen. Ich hatte die Dämmerung ins Zimmer kommen lassen und über manches nachgedacht.

Und da, wie ich im halben Licht vom Fenster her nach ihnen hinsehe, stehen sie alle aufrecht und mit geschlossenen Blütenblättern. Die roten haben sich eng aneinander gedrängt und überragen hoch die Vase. Die drei gelben stehen wie schwach leuchtende lichter auf gebogenen Kandelaber-Armen um sie herum; sie hatten mit ihren dünnen Stengeln über Tage am meisten nach abwärts gehangen,

Was ist da unbemerkt und in völliger Lautlosigkeit dicht neben mir vorgegangen? Was geschah in diesen Blumen, die ja doch, von Wurzel und Zwiebel abgeschnitten, keine lebenden Pflanzen sind? Welche ganz und gar menschenfremden Kräfte leben da in ihrer eigenen Welt ihr eigenes Leben und wirken ihr eigenes Tun?

Und wie gleiten sie still und ohne auf uns hinzuwirken, dicht bei uns und doch ganz fremd unter unseren Stunden hin!