Von Kurt Hiller, London

Die Bank der Spötter ist keineswegs jene bequeme Sitzgelegenheit, für die der Philister sie hält. Weit bequemer sitzt sich’s im Klubsessel der behaglich-seriösen Anerkennung. Wer in ihm Platz nimmt, zahlt mit ein paar Phrasen; das Billett für die Spötterbank ist weniger billig: man muß Argumente aus der Brieftasche ziehen.

Im Streit um Inhalte einer Politik oder eines Gesetzes verfügt, wer starke Meinungen hat, meist auch über starke Argumente; anders liegt es beim Streit um Formen. Stilkritik hat ja nicht das Richtig oder Falsch eines ausgedrückten Gedankens, sondern den Ausdruck zum Gegenstand, und das Ziel des Ausdrucks ist gar nicht einzig die logische, sondern mindestens sosehr die ästhetische Deutlichkeit. Wurde sie erreicht oder nicht? Darüber ist in jedem Einzelfall schwer zu argumentieren. Es gibt aber Fälle, wo die Spießbürgerlichkeit des Ausdrucks derart zum Himmel brüllt, daß man einfach nicht schweigen kann. Ein solcher Fall ist der Stil des in Bonn gefertigten „Grundgesetzes“.

Egal, wie man zu seinem staatsrechtlichen Gehalt steht, ob ablehnend (wie Reaktionäre und Kommunisten), ob jubelnd, ob kritisch-kühl mit vielen Jas und etlichen Neins (dies der Standpunkt dessen, der hier spricht) – alle Deutschen von Kultur sollten einig in dem Verlangen sein, daß ihr Grundgesetz, rein als Form, würdig der Nation Goethes laute. Bismarcks Verfassung, 1871, lautete in der Tat so; hatte man noch dreizehn Jahre lang die Ehre, sein Zeitgenosse zu sein, so schämt man sich als Deutscher, und gerade als sozialistischer, das Produkt von Bonn zu lesen.

Dies Verdikt im einzelnen zu begründen, würde man eine Broschüre benötigen; ich beschränke mich daher im folgenden auf Präambel und ersten Abschnitt („Die Grundrechte“): welcher von den 146 Artikeln des Gesetzes 19 umfaßt. Selbst in diesem engen Rahmen liegt mir Vollständigkeit fern; ich begnüge mich mit ein paar Proben.

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In der Präambel wird über das deutsche Volk in den Ländern, die diese Verfassung einstweilen deckt, gesagt, es sei „von dem Willen beseelt, seine nationale und staatliche Einheit zu wahren“. In der Vulgärsprache kann „national“ und „staatlich“ als gleichbedeutend verwandt werden; in präziser, demnach in Gesetzessprache nicht. Bedeutet beides dasselbe, dann wäre ja auch der Doppelausdruck (mit „und“) pleonastischer Kitsch. Unterscheiden wir aber, dann gilt, daß die „nationale“ Einheit einer Nation besteht oder nicht besteht, aber „gewahrt“ zu werden weder braucht noch vermag, während die staatliche Einheit im Falle Deutschlands leider zur Zeit nicht besteht, also erst recht nicht „gewahrt“ werden kann, vielmehr wiederhergestellt sein will. Unterscheidet man „national“ und „staatlich“, dann verteilt sich die deutsche Nation auf eine Reihe von Staaten: die deutschen „Länder“, Österreich, Liechtenstein und zwei Drittel der Schweiz, Grenzgebiete Frankreichs, Italiens, und auch in den slawischen Staaten existieren wohl noch Reste von ihr, zu schweigen von Scharen nicht assimilierter Deutscher in Übersee. Diese dergestalt über viele Staaten reichende Nation ist „eine Einheit“? Wenn man will. Sie wünscht das Bonner Gesetz in nicht geringerem Maße zu „wahren“ als die staatliche Einheit auf dem verkleinerten Territorium des ehemaligen Reichs – welche noch gar nicht wieder besteht? Wie wirr!