Die großen Revolutionen Chinas in den letzten hundert Jahren sind aus dem Fremdenhaß geboren oder doch von ihm gefördert worden, Das war so bei der Taiping-Rebellion und beim Boxeraufstand, nicht anders auch bei der Revolution von 1911, auch Sun Yatsen wollte ein freies China, in dem die europäischen Reservatrechte – Konzessionen und Konsulargerichtsbarkeit – aufgehoben sein sollten. Dieses Ziel vermachte er seinen Schülern Tschiangkaischek und Mao Tsetung. Beider Tragik ist es, daß sie, sowohl um die erstrebten Reformen durchzuführen wie um sich gegenseitig zu bekämpfen, fremder Hilfe, fremder Lehren und fremder Instruktoren bedurften. Tschiangkaischek war hierbei siehtlich im Nachteil, er mußte sich offiziell gegen den Fremdenhaß wehren, so mußte er etwa Studenten bestrafen, die gegen die „fremden Teufel“ demonstriert hatten, denn diese „fremden Teufel“ unterstützten ihn ja – und jedermann wußte es. Hingegen wurde die Hilfe, die Mao Tsetung von Sowjetrußland empfing, im geheimen gegeben, Auch erschienen keine russischen Truppen oder Militärmissionen auf chinesischem Boden, keine Armeeflugzeuge russischer Nationalität flogen über ihn hinweg, keine russischen Kriegsschiffe ankerten in chinesischen Häfen. Das Politbüro hat es verstanden, die überhitzte nationalistische Gesinnung der Chinesen zu schonen.

Andererseits jedoch haben die Bolschewisten sehr wohl dafür gesorgt, daß sie für ihre Unterstützung den vollen Preis erhalten. Schon auf der Konferenz von Yalta waren ihnen in einem Geheimabkommen durch Roosevelt und Churchill weitgehende Rechte an der mandschurischen Eisenbahn und dem Hafen Dairen zugewiesen und außerdem der Häfen von Port Arthur versprochen worden. Nach der Kapitulation Japans rückten die Sowjetrussen in die Mandschurei ein, besetzten sie und gingen nicht eher wieder heraus, bis sie die wichtigsten industriellen Anlagen demontiert und nach Rußland transportiert hatten, Was an Fabriken noch erhalten blieb, mußte in der Folge Mao Tsetung ihnen übertragen, da er sonst keine Waffen und keine Munition erhalten hätte. So hat sich der Kreml im Norden der chinesischen Mauer eine beherrschende Stellung geschaffen, und es scheint heute bereits so, daß die Verwaltung der Mandschurei praktisch völlig von der der roten Gebiete im eigentlichen China getrennt ist.

Zur Zeit sind die Sowjetrussen dabei, auch die chinesische Provinz Sinkiang zu einem Satellitenstaat zu einwickeln. Mao Tsetung, der dort an sich nur wenig Einfluß besitzt, hatte sich schon vor längerer Zeit bereitgefunden, den Russen gefügig alle Rechte zuzubilligen, die sie in Sinkiang beanspruchen würden. Vor einigen Wochen hat auch die chinesische Nationalregierung eingewilligt, den Sowjets dort Ölkonzessionen zu gewähren. Sinkiang ist aber nicht nur um seiner Bodenschätze willen für den Kreml interessant, es ist auch strategisch von außerordentlicher Bedeutung. Es grenzt an die Äußere Mongolei, Tibet und in einer langen Landfront an Indien. Der Einfluß der chinesischen Verwaltung ist dort heute bereits gering, denn Sinkiang hat seinen eigenen Bürgerkrieg.

Mohammedanische Stämme der Turkvölker unter Osman Bator kämpfen gegen eine Armee chinesischer Kommunisten. Die Russen halten sich offiziell aus diesem Streit heraus, sie liefern nur Waffen und Munition an ihre Parteigänger. Die mohammedanischen Turkvölker sind schlecht ausgerüstet, aber sie haben die Unterstützung der dortigen Bevölkerung, der benachbarten mohammedanischen Provinzen Chinas und Rückhalt auch in der Äußeren Mongolei. Es ist hier also ein Freiheitskampf im Gange, bei dem die Russen sich offiziell bisher nur durch eine starke Radiopropaganda von Alma-Ata aus eingeschaltet haben. Doch ist es kein Zweifel, daß sie nicht auf der Seite der freiheitsuchenden Turkvölker stehen.

Lenin hatte 1923 erklärt: „Der Ausgang unseres Kampfes wird letzten Endes davon bestimmt, daß Rußland, Indien, China und Südostasien die gigantische Mehrheit unter der Erdbevölkerung haben, und gerade bei dieser Mehrheit entwickelt sich erstaunlich schnell die Neigung, Befreiungskämpfe zu beginnen.“ Ein Jahr später sagte Stalin: „Daher ist es unbedingt nötig, die nationalen Befreiungsbewegungen aktiv und entschieden zu unterstützen.“ Diese Richtlinien jedoch entsprangen einer sozialistischen Gesinnung, die es heute in der Sowjetunion nicht mehr gibt, seit dieses Land zu einem Polizeistaa: der Manager geworden ist. Nicht um die Weltrevolution voranzutreiben, sondern um sich Machtpositionen zu erobern, hat der Kreml sich in den chinesischen Bürgerkrieg eingemischt. China jedoch ist nicht die Tschechoslowakei. Dazu ist bei den Chinesen das Nationalgefühl viel zu mächtig, und so wird man wohl annehmen dürfen, daß dem Kreml eines Tages eine Rechnung präsentiert werden wird, und auf ihr könnte stehen: Rückgabe der Mandschurei, der Äußeren Mongolei und Sinkiangs.

Hier liegt zweifellos die Schwäche der sowjetischen Außenpolitik, ihr Kompaß schwankt zwischen zwei Polen, dem des russischen Imperialismus und dem der kommunistischen Weltrevolution. Mit der Propaganda, Moskau wolle durch sozialistische Methoden die Völker befreien, hat der Kreml viele Sympathien in Asien gewonnen, durch seine brutale Machtpolitik kann diese Freundschaft leicht ins Gegenteil umschlagen, Und hier, so scheint es, ist eine Möglichkeit gegeben, die rote Offensive im Fernen Osten zum Stehen zu bringen, dadurch nämlich, daß alle Gegner totalitärer Diktaturen sich auf die Seite der Freiheit schlagen und sich entschließen, den unterdrückten Völkern zu helfen. Hier zeigt sich auch, wie ungewöhnlich hellsichtig und weise der Entschluß der englischen Labourregierung war, Indien, Ceylon und Burma ihre Selbständigkeit zurückzugeben. Sie hatte dabei das Glück, daßihr Partner auf der Gegenseite ein großer Staatsmann war, Pandit Nehru. Das Ergebnis dieser großzügigen Politik ist bekannt, Indien, Pakistan und Ceylon blieben Mitglieder des Commonwealth.

Wie wichtig die neugewonnene Selbständigkeit dieser Länder für die politische Entwicklung im Osten war, das zeigte bereits Zu Beginn dieses Jahres die Asienkonferenz in Delhi. Neunzehn Staaten des Pazifiks, Asiens und des Mittleren Ostens nahmen an ihr teil. Das damals zur Diskussion stehende Problem war der Konflikt zwischen Holland und der Indonesischen Republik, „Wir, die Vertreter der freien Nationen Asiens“, sagte Nehru bei der Eröffnung, „sind hier zum erstenmal mit unseren Freunden aus Australien und Neuseeland, wie auch aus Ägypten und Äthiopien zusammengekommen, um über eine Angelegenheit zu beraten, die uns alle angeht.“ Die Beschlüsse der Konferenz hatten unmittelbar keinen Erfolg, sie waren jedoch der Beginn zu der Entwicklung einer Politik, die heute dazu geführt hat, daß Holland die republikanischen Führer in Java freigelassen und seine Truppen aus Djokjarkarta zurückgezogen hat, während andererseits Soekarno und Ministerpräsident Hatta versprochen haben, an einer round table conference im Haag teilzunehmen, die über die Zukunft Indonesiens entscheiden soll.