Wieder wird im Westen demontiert. Wieder erhitzten sich die Gemüter im Streit um das Für und Wider. Wieder wurden von britischer und deutscher Seite Erklärungen abgegeben, die herzlich wenig geklärt haben. All dieses ist nicht neu. Die Frage nach Recht oder Unrecht der Demontagen ist so alt wie die schwere Hypothek auf dem deutsch-englischen Verhältnis selbst. Aber weder ein britischer General, dessen Ultimatum und Androhung von „Machtmaßnahmen“ peinlich an koloniale Gepflogenheiten erinnern noch ein Parteiführer, dessen Äußerungen zeigen, welch trübe Schatten der Wahlkampf vorauswirft, haben anscheinend begriffen, daß Demontage heute nichts mehr mit Prestige zu tun hat. Die Kürzung der ursprünglichen Demontageliste, die 682 Betriebe umfaßte, durch Humphrey-Ausschuß und nochmalige Überprüfung auf 222 Werke beweist es: Die Zeit für eine sachliche Auseinandersetzung ist längst gekommen, auch für die Diskussion um den Abbau der elf Anlagen für synthetische Treibstoff- und Bunaherstellung. Deutscheund britische Argumente stehen hier allerdings einander so gut wie unvereinbar, gegenüber. Beide sind gewiß nicht unparteiisch, aber beide sind ernst zu nehmen und beide erwecken den Anschein der Sachlichkeit.

Deutscherseits wird auf den Widerspruch von Marshall-Plan und Demontage hingewiesen, auf die Zunahme der Arbeitslosigkeit und auf die möglichen politischen Folgen durch kommunistische Propaganda bei einem Abbau. Das Kriegspotential der fraglichen Werke sei gering. Ihre Demontage, so wird daher behauptet, verfolge keinen anderen Zweck als eine leistungsfähige deutsche Konkurrenz auf diesem Gebiet vom (Weltmarkt auszuschließen. Die englischen Argumente konzentrieren sich auf drei Punkte: Un-Wirtschaftlichkeit des Verfahrens, Autarkiestreben und Sicherheitsbedürfnis. Deutschland sei die Herstellung synthetischer Treibstoffe durch die Abkommen vom März 1946 und April 1949 ausdrücklich verboten worden. Dies sei – so sagen die Engländer – überhaupt der Angelpunkt für die Zerstörung jeglichen Kriegspotentials. Denn ohne synthetischen Treibstoff könne Deutschland unmöglich jemals wieder Krieg führen.

Wir glaubten eigentlich, daß Deutschland – mit oder ohne synthetischen Benzin – fürs erste in der Ära ost-westlicher Goliathe sowieso keinen Krieg mehr führen will und kann. Wir hofften auch, daß etwaige europäische Zweifel in dieser Richtung durch das Ruhrstatut und die vorgesehene Eingliederung Deutschlands in ein künftiges Europa bereits endgültig behoben seien. London aber ist offenbar anderer Meinung. Nun gut, doch darüber kann kein Zweifel bestehen: die Quintessenz der britischen Argumente, daß nämlich durch die umstrittenen Demontagen der deutschen Aggressionslust ein nicht zu beseitigender Riegel vorgeschoben würde, stellt Großbritannien selbst vor eine Alternative. Entweder ist mit dem Abbau der Anlagen für synthetische Treibstoffherstellung jede Demontage ein für allemal zu Ende, oder aber, die Demontagen werden darüber hinaus noch weiter fortgesetzt. Dann allerdings wird man von uns nicht erwarten dürfen, daß wir in ihnen irgend etwas anderes sehen als tatsächlich den Versuch, die deutsche Konkurrenz auf dem Weltmarkt auszuschalten. C. J.