Gw. London, Mitte Juni

Die Experten mögen sich die Finger wund schreiben, um Englands Wirtschaftler, Politiker und Arbeiter von der Notwendigkeit zur Überprüfung der Exportanstrengungen zu überzeugen – wie es scheint ohne die geringste Wirkung. Und dann fegt ein Gerücht wie ein Komet über den City-Himmel, niemand weiß, woher es kommt, niemand glaubt es so recht, und viele trauen dennoch ihrem Unglauben und ihrer Einsicht und ihrem Verstand nicht – und wenn das Gerücht am nächsten Morgen verschwunden ist, dann scheint plötzlich die Welt verändert.

Diesmal war das Gerücht die durch nichts begründete Behauptung, daß Sir Stafford Cripps vom Posten des Schatzkanzlers und obersten Rosseleiters der britischen Wirtschaftspolitik zurücktreten wolle. Als ob ein Fanatiker wie Cripps, der sich noch niemals durch noch, soviel Kritik von seiner Überzeugung abbringen ließ, zu Pfingsten seinen Geist aufgeben würde, nur weil die Labour-Anhänger sein Budget nicht leiden mochten! Für die City aber war das der Anlaß, etwas sehr Vernünftiges in unvernünftiger Panik zu tun – nämlich die führenden Ausfuhrwerte unter den Industrieaktien kräftig im Kurs herabzusetzen und andere empfindliche Werte gleichfalls zu berichtigen. Seit Jahren lagen die Industrieaktien in England – und anderwärts – zu hoch, weil die, „die es wissen sollten“, nicht wußten oder nicht wissen wollten, daß der Weg zur Nachkriegsprosperität durch das Nadelöhr der Kostensenkung führen muß, und daß nicht irgendwelche Appelle zur vorübergehenden Dividendenbeschränkung, sondern nur die natürliche Umschaltung vom sellers zum buyers market, vom blinden zum sehenden Kaufen, für die Senkung der Gewinne und der Dividende Sorge tragen würde.

Die City hat es blitzlichthaft erfaßt, daß sie „einen Cripps“ braucht, um mit einem Minimum an Schrammen den Kamin der Kostensenkung hinabzugleiten und ohne ernsten Schaden an die nächste normale Kletterpartie gehen zu können. Mit der endlich vorgenommenen, längst überfälligen Kürzung der Gewinnerwartungen durch den Kursfall um gut 10 v. H. für Industrieaktien ist der Weg für eine Überprüfung der Kosten in der Wirtschaft und für Senkung der Export- (und danach sicherlich auch der Inlands-) Preise frei.

Auch Labour dürfte, nach dem großen Erfolg der Parteiführung über die mürrisch-kritisch angestellten Delegierten auf dem Parteitag in Blackpool, bald zu dem Punkte gelangen, an dem die Konsolidierung der erzielten Vorteile den „Ruf nach mehr“ übertönt – vielleicht noch rechtzeitig, um durch einige Arbeitslosigkeit am Ende der Überbeschäftigung und durch größere Arbeitsfreudigkeit die latente Gefahr allgemeiner Lohnsenkungen vermeiden zu können.

Es scheint, als ob in England der Wunsch nach Exportkonsolidierung durch Kostensenkung über die so eifrig (von Amerika) empfohlene Exportsteigerung durch Abwertung triumphiert hat. Dies schließt zwar eine leichte Berichtigung des Pfundkurses gegenüber dem Dollar, im Rahmen einer allgemeinen Neubewertung der westeuropäischen Währungen, zu einem späteren Zeitpunkt nicht aus. Wesentlich ist, daß erst einmal dem Export-Rosenstock durch ein sachverständiges Kostenstutzen Gelegenheit gegeben werden soll, zu zeigen, ob und wie er wachsen kann, ohne vorher der Treibhausluft einer vielleicht doch vermeidbaren Abwertung ausgesetzt zu werden.