Wyschinskis Pariser Vorschlag, einen Friedensvertrag mit Deutschland zu schließen und zwölf Monate später die alliierten Truppen aus Deutschland zurückzuziehen, sollte wohl eine Bombe sein. Es Ist nicht zu verkennen, daß sie Fehlzündung gehabt hat, nicht nur bei seinen Verhandlungspartnern, sondern auch-, bei den meisten Deutschen. Aber ist es wirklich angebracht, daß wir diesen Diskussionen so kühl und fast unberührt gegenüberstehen?

Die Vorgänge in Paris verleiten uns dazu, die Konferenz zu verfolgen wie Zuschauer einem Theater zusehen. Man analysiert und kritisiert die Akteure, freut sich, wenn sie einmal steckenbleiben oder sonstwie in Verlegenheit geraten, und verfolgt mit Spannung, wenn sich durch unerwartete Auftritte und Zusammentreffen kleine Sensationen anzubahnen scheinen. Als handle es sich lediglich um einen Streit zwischen fremden Nationen und nicht um unsere oder unseres Landes Gegenwart und Zukunft.

Wir sollten nicht nur bewußtere und intelligentere Zuschauer werden, wir haben vielleicht auch die Möglichkeit, hinter den Kulissen mitzuwirken. Der aus vier Ministerpäsidenten und sieben Mitgliedern des Parlamentarischen Rates gebildete „Konsultativrat“ zur Beratung der drei westlichen Außenminister ist im Auftrage dieser Außenminister von den Militärgouverneuren erstmals nach Frankfurt zusammengerufen worden und hat in einer mehrstündigen Sitzung die Pariser Lage mit ihnen beraten. Diese Tatsache ist für uns fast ebenso bedeutsam wie die Außenministerkonferenz selbst.

Diese Frankfurter Besprechung am letzten Mittwoch kann man vielleicht als Beginn einer offiziellen deutschen Außenpolitik bezeichnen. Nach Lage der Dinge wäre die Annahme unbegründet, die Außenminister wollten; courtoisiehalber unsere Ministerpräsidenten und Parlamentarier über ihre Verhandlungsführung in Paris informieren. Nein, das Schweigegebot und die ernsten Mienen der Beteiligten nach der Besprechung zeigen an, daß man mehr von den Deutschen wollte als nur die Entgegennahme von Erklärungen. Nach Jahren der Fesselung macht es Freude, wieder zur Arbeit herangezogen zu werden. Es schmeichelt einem, wenn man von den großen Akteuren um Rat gefragt wird. Aber bei aller echten Wirkungsmöglichkeit, die diese Situation eröffnet, dürfen die deutschen Wortführer eines nicht vergessen: Stellung nehmen und Ansichten äußern zu Fragen der deutschen Einheit und des Verhältnisses zu Rußland schafft zwangsläufig auch Verantwortungen, wenn es im Rahmen dieses neuen Konsultativrates geschieht. Worte der Kritik und der Bedenklichkeit werden vergessen werden, aber auf jeden zustimmenden Satz wird man uns später einmal festnageln und daraus ableiten, daß wir uns mit der Pariser Verhandlungsführung identifiziert haben. Es geschieht jedenfalls bestimmt nicht aus Höflichkeit oder gar Ratlosigkeit, daß die Westmächte den Konsultativrat konsultieren. C. D.