I. Querschnitt durch Hörermeinungen

Von Walther v. Holländer

„fast ein Jahr lang“ – sagt Walther von Holländer – „habe ich in jeder Woche eine Sendung ‚Der Hörer hat das Wort‘ zusammengestellt und kommentiert. In dieser Zeit las ich etwa achttausend Briefe. Es können auch siebentausend oder neuntausend Hörer gewesen sein, die ihre Meinung sagten, ihre Nöte klagten, ihren Herzen Luft machten, ihre Forderungen anmeldeten, ihre Vorschläge zur Verbesserung der Welt, des Familienlebens und des öffentlichen Lebens vorlegten.“ In folgendem Beitrag, dem sich zwei weitere anschließen werden, entwickelt er seine aus den Briefen gesammelten Erfahrungen.

Ich weiß wohl, daß es die ganz Stillen im Lande gibt, die ihre Nöte und Meinungen nicht sagen können oder nicht sagen wollen, die völlig Verbitterten, die glauben, daß „alles doch keinen Zweck hat“, die allzu Bescheidenen, die finden, daß sie nicht öffentlichkeitsreif sind, und die Majorität, die wohl eine Meinung hat, aber sie nurdann sagt, wenn sie unmittelbar angesprochen wird und unmittelbar antworten kann. Trotzdem glaube ich, daß eine solche Sendung doch eine Art Längsschnitt durch die Meinungsebene des deutschen Volkes darstellt und man wichtige Aufschlüsse über die Meinung des Durchschnittsdeutschen daraus entnehmen kann. Der Durchschnittsdeutsche – das soll in diesem Falle kein Werturteil sein, dergestalt etwa, daß sich nur ein mäßiger Durchschnitt zu Worte gemeldet hätte. Überflüssige, alberne, dumme und geschwätzige Briefe nahmen höchstens ein Drittel der Einsendungen ein.

Wer schrieb?

Es schrieben nahezu alle Berufsgruppen, nahezu alle Altersstufen. Die 50- bis 70jährigen schrieben am meisten. Die 30- bis 40jährigen waren am schweigsamsten. Überraschend stark war die Beteiligung der Jugendlichen zwischen 16 und 25 Jahren. Frauen schrieben meist nur zu Themen, die sie unmittelbar angehen. Von den Berufsgruppen beteiligten sich am meisten seltsamerweise die Ingenieure und Techniker. An zweiter Stelle lagen die Arbeiter, und unter ihnen wieder schrieben die Bergarbeiter die nachdenklichsten Briefe. Unter den Akademikern waren die Ärzte die interessiertesten, die Studienräte die uninteressiertesten, die selbst zu Themen wie „Schulreform“ nur höchst selten Stellung nahmen. Lebendiger reagierten noch die Volksschullehrer. Die Juristen meldeten sich durchweg nur dann zum Wort, wenn in einer Sendung ein juristischer Tatbestand nicht juristisch einwandfrei dargestellt war. Die Universitätsprofessoren schwiegen auch dann, wenn es um Fragen wie „Universitätsreform“ und „Nöte der Studenten“ ging. Hier schwiegen auch mit geringen Ausnahmen die Studenten, und was sie über ihre Note zu sagen hatten, betraf nur finanzielle Sorgen.

Die Briefe des Mittelstandes, der kleinen Kaufleute, Bahnbeamten, Bauunternehmer, Gastwirte, Spediteure waren – mit Ausnahmen natürlich – die unverständigsten. Ich glaube sagen zu können, daß dieser kleine Mittelstand, besonders dann, wenn er seine Existenz verloren hat, den uneinsichtigsten Teil der Bevölkerung darstellt. Er stellt die meisten von denen, die gegen alles sind, die mit viel Temperament auch noch die dümmste Durchschnittsmeinung vertreten und die vor allem über die Taten und Unterlassungen der Parteien, der Regierungen und der Alliierten schimpfen. Die gescheitesten Briefe kamen von Arbeitern, und zwar nicht nur die politisch gescheitesten, sondern auch die menschlich klügsten.