Die internationalen Beamten sind ein neuer und moderner Typus Mensch, und wir sind es gewohnt, unter ihnen originelle und außergewöhnliche Persönlichkeiten zu finden. Dr. Ralph J. Bunche, Professor der Nationalökonomie an der Howard-Universität für Farbige in Washington und letzthin UNO-Vermittler für Palästina als Nachfolger des Grafen Bernadotte, ist sicherlich einer der bemerkenswertesten in ihrem Kreise. Er hat mit seinen 45 Jahren eine auch für amerikanische Verhältnisse rasante Karriere hinter sich. Fast jedes Examen beschloß er summa cum laude, gleich, ob es sich um das Abitur, den Doktortitel oder die Professur handelte oder um die Aufnahme in das State Department und seine Kriegsverwendung im amerikanischen Geheimdienst. Der Chef des letzteren, General Donovan, bezeichnete ihn als ein wandelndes Kolonialinstitut in einer Person.

Neben einem glasklaren Verstand wohnen in diesem kleinen, etwas untersetzten Mann aber auch andere Qualitäten, die ihn aus der Reihe seiner prominenten Rassegenossen herausheben. Das große seelische Problem des intellektuellen Farbigen, die Überwindung des subjektiven Negerbewußtseins im Zusammenleben mit der weißen Welt, hat er ohne Einbuße an Charakter und an echter christlicher Religiosität gemeistert. Unerschütterliche Ausgeglichenheit des Temperaments und tiefe menschliche Sympathie für die vom Schicksal Benachteiligten, das sind die Eigenschaften, die, gepaart mit der Schnelligkeit seines geschliffenen Verstandes, ihm die Bewunderung der Araber und die Zuneigung der Juden gebracht haben, und damit den Erfolg seiner Mission.

Aber seine Bedeutung geht über die einer erstaunlichen Karriere und einer erfolgreichen diplomatischen Mission weit hinaus. Sie liegt darin, daß dieses Hochprodukt von Intellekt und Charakter Neger ist, Vollblutneger, wenn man von einem kleinen indianischen Blutanteil absieht, den seine Mutter in die Familie brachte. Die staunenden und verehrungsvollen Augen von dreizehn Millionen Farbigen in den USA folgen seinem Weg. Seine wissenschaftliche Laufbahn und seine Veröffentlichungen zeigen, daß ein großes Problem seine ganze Person mit brennender und leidenschaftlicher, fast unakademischer Anteilnahme erfüllt: das Schicksal der Neger! Schon seine Doktorarbeit beschäftigte sich mit ihm. Seine Habilitationsschrift über die „Verwaltung der unselbständigen Gebiete“ wäre eine internationale Sensation geworden, hätte man ihre Drucklegung nicht verhindert. In seiner Studentenzeit gelang es ihm nach langen Bemühungen, ein Stipendium für einen ausgedehnten Afrika-Aufenthalt zu erlangen. Damit entschied sich sein Leben: Afrika, woher noch sein Großvater auf einem Sklavensegler gekommen war, wurde seine Leidenschaft. Nach Ablauf seines Stipendiums bereiste er den schwarzen Kontinent noch einmal, von West nach Ost und Nord nach Süd. In jedem Territorium wurde er bekannt. Wo er erschien, kündigten Trommeln sein Kommen an. Feierlichkeiten und Ehrungen der Stämme lösten einander ab.

Ralph J. Bunche ist linientreu. Die Palästina-Mission war für ihn eine Episode, so wie es seine Mitarbeit beim amerikanischen Geheimdienst zur Vorbereitung der Landung in Nordafrika war. Sein Ziel ist die geistige und wirtschaftliche Freiheit der Neger. Darum ist es konsequent und gar nicht verwunderlich, daß er die ihm von Präsident Truman zugedachte, für einen Neger einzigartige Ehrung zurückwies, Unterstaatssekretär im Außenministerium zu werden. Der Direktorenposten beim Treuhänderrat der UNO, den er jetzt innehat, liegt seiner wirklichen Linie näher.

Die Einbeziehung Afrikas in die lebendige westliche Welt ist neben der europäischen Einigung das große Zukunftsproblem des Abendlandes. Jeder, der Afrika kennt, weiß, daß es nicht zu lösen ist, ohne die menschlichen Relationen zwischen Schwarz und Weiß harmonisch zu stabilisieren. Generationen europäischer Kolonisation haben den Nachweis erbracht, daß Europäer dieser Aufgabe nicht gewachsen sind. Überall auf dem schwarzen Kontinent fließt heute wieder Blut, mehren sich die Aufstände, steigern sich die Spannungen. Müßte es nicht eigentlich ein Neger sein, der aus der Kenntnis beider Welten, der schwarzen und der weißen, ihre Synthesezu schauen und zu schaffen vermag? Hier liegt Ralph J. Bunches gewaltige Lebensaufgabe. Er sieht sie und weiß, daß ihre Erfüllung ihn zu einem der großen Gestalter der Weltgeschichte machen kann. C. D.