In dem Begleittetxt zu seinem Film „La belle et la bête sagt Jean Cocteau: „Ich versuche, einen Tisch zu konstruieren. Es ist nun Ihre Sache, an ihm zu essen, mit ihm Tisch rücken zu machen oder ihn ins Feuer zu werfen.“ Seit seinem Erscheinen hat dieser experimentelle Film moderner Märchenkunst in der Welt Aufsehen erregt. Das war vor drei Jahren. Nun ist er auch in Hamburg (Esplanade-Theater) zu sehen.

Zuschauer, die sich genügend Naivität und Natürlichkeit bewahrt haben, können ein echtes Märchen erleben von dem schönen Mädchen (la belle), das durch Sanftmut und Liebe ein schreckliches, aber leidendes Ungeheuer (la bête) erlöst und einen Prinzen gewinnt, mit dem es sichtbar in den Liebeshimmel entschwebt. Diese Zuschauer können im prunkvollen Spukschloß mit den unvermeidlich geheimnisvoll wehenden Gardinen bei Wandleuchtern mit lebenden Armen, bei Statuen mit rollenden Augen und rauchendem Blut das Gruseln genießen. Sie können sich daran ergötzen, wie hier ein Film in köstlicher Fülle alle seine nur ihm möglichen Register zieht, oder sich darüber aufhalten, daß beim Märchensehen (im Gegensatz zum Märchenlesen) der eigenen Phantasie kein Spielraum mehr gelassen wird. Aber den blühenden Einfällen Cocteaus und des kürzlich verstorbenen Bühnenarchitekten Christian Bérard zu folgen, ist spannend und aufregend genug. Wer vom Märchen nichts mehr hält, wer kühl und unbefangen zuschaut, wird dieses verwirrende, überfeinerte; verrückte Spiel, in dem eine reine Schöne von ihren dekadenten, verkommenen, faulen Angehörigen zu dem einsamen, mordenden, brüllenden Untier mit der zarten Seele gelangt, mit Verwundern und Schaudern betrachten. Er wird den durch die standhafte Engelsgüte von „La belle“ (Josette Day) verursachten zweifachen Tod ihres sie anbetenden Taugenichts Avenant und des liebeskranken Untiers, die alsdann beide vereint als Prinz (dreimal Jean Marais) wieder auferstehen, als sentimentalen Kitsch abtun oder – nachdenklich werden. Erika Müller

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Margot Hielscher, die junge Schauspielerin, hatte eine Idee: sie meint, daß die Mädchen, die in den ersten Nachkriegsjahren 1945/46 auf den Ruf „Hallo Fräulein“ (im echt amerikanischen Slang) reagierten und ihn für Wochen, Monate oder gar ein halbes Leben beantworteten, durchaus nicht zu verurteilen sind. Nein, es brauchten nicht materielle Dinge oder die Lockung nach drüben die alleinigen Beweggründe zu sein –: bei der Chansonette Maria (Margot Hielscher) in dem Camera-Film „Hallo Fräulein“ (Norddeutsche Erstaufführung im Waterloo-Theater, Hamburg) stehen künstlerische Werte wie der Jazz, der nun einmal in seinem Ursprungsland Amerika besser gespielt wird als bei uns, auf dem Spiele. Nur das ist der erste Berührungspunkt zwischen ihr und einem amerikanischen Kapitän (Peter van Eyk), der Armee und Vaterland in Stich läßt, um den Deutschen endlich den richtigen Jazzrhythmus beizubringen. So ist also, vor allem da am Ende des Films doch ein „metaphysisch-tiefsinnig“ veranlagter deutscher Ingenieur (Hans Söhnker), der freilich vom Jazz nichts hält, das Herz des „Fräuleins“ Maria gewinnt – die Ehrenrettung der „Fräuleins überhaupt“ vollzogen worden. Für diese Rettung wurde es auch Zeit, denn man hatte die ganze Angelegenheit, die ja seit einem Jahr nicht mehr akut ist, beinahe schon vergessen.

Dem Regisseur Rudolf Jugert gelangen, vor, allem im Anfang des Films einige neue und überraschende. Gags. Ausgeführt wurden sie von dem blendenden Komiker Bobby Todd, der in der Rolle eines charmant-komischen Italieners eine viel bessere Figur abgibt als er dies in Käutners „Der Apfel ist ab“ vermochte.

P. Hühnerfeld

Der letzte Trümmerfilm? Es hat lange gedauert, bis dies Erstlingswerk der Produktion der französischen Zone „Wohin die Züge fahren“ einen Verleih gefunden hat. Es ist wieder ein Heimkehrerschicksal: die einfache Geschichte zweier Menschen, die vor dem Regen und der großen Kälte zusammenkriechen und es erst viel zu spät merken, daß sie sich eigentlich lieben. Ein menschlicher, nichts als menschlicher Film, der nicht belehren will, sondern helfen. Die Filmthemen liegen heute auf der Straße (oder in den Eisenbahnzügen), erregender, als Grimmelshausen sie hätte schreiben können, aber man muß sie schon filmkünstlerisch zu verdichten verstehen.