Von Karl N. Nicolaus

Travemünde, im Juni.

Fortuna, die Göttin des Glücks, hat hart an der Küste des Meers, das die Ostsee heißt, ein neues, prunkvolles Hauptquartier aufgeschlagen. Eine romantische Seele könnte sich diesen Vorgang folgendermaßen vorstellen: Fortuna steigt gleich der „schaumgeborenen“ Aphrodite aus dem Wasser, gefolgt von Tritonen, welche die Schätze der in selbiger See versunkenen Stadt Vineta an Land schleppen, um sie dort im Rahmen von Zeremonien, die in einem Feenpalast stattfinden, über die glückshungrigen Sterblichen auszustreuen... Ich persönlich, der ich in dem gerade eröffneten „internationalen“ Spielkasino zu Travemünde, dem neuen „nordischen Monte“, längere Zeit hin- und herging, glaube, daß das Glück keine Dame, ja überhaupt kein weibliches Wesen, sondern ein Neutrum ist. Denn das Glück dokumentiert sich in einem Rade.

In dem großen, pompös hergerichteten Spielsaal sind die Menschen nur Puppen. Das einzige, wirkliche Leben wohnt in den Roulettes, die sich lautlos drehen. Auf diese glitzernden Scheiben, um die die Kugel – wie die Erde um eine bunte Sonne – kreist, sind alle Blicke gerichtet. Die Rufe der Croupiers tönen über die Stille hinweg, als wären sie nicht von menschlichen Stimmbändern hervorgebracht, sondern als wären sie Nebengeräusche des rotierenden Roulettes. Und alle Menschen erscheinen wie stumme Boten, die Chips tragen; das sind die Spielmarken, die hier das Geld vertreten. Diese Chips werden über die Spielfelder gestreut nach einem Plan oder einer Eingebung, die aus den tiefsten Räumen des Gehirns kommt, dort, wo der Glaube an das Glück wohnt.

In diesen Räumen, die in einer Pracht hingezaubert wurden, als sollten sie den Rahmen bilden für einen Revue-Film super-amerikanischen Formats, wohnt eine ganz sachliche Atmosphäre. Auch die schönste Frau wird übersehen. Denn die rollende Kugel ist die Hauptperson. Selbst in die dekorative Bar, die neben den Spielräumen liegt und einen faszinierenden Blick auf die Ostsee gewährt, strömt diese sachliche Atmosphäre ein. Hier ist keine Stätte für den Flirt – wer hätte dazu Zeit! –, sondern es ist eine Stätte, wo durstige Spielerkehlen die Trockenheit der Gurgel bekämpfen, die von der inneren Aufregung kommt. Es gibt allerdings Spieler: die haben noch nicht einmal Zeit, in die Bar zu gehen; sie lassen sich die Getränke an den Spieltisch bringen. Diese großen Kavaliere des Spiels klatschen, wenn sie durstig sind, dreimal sanft in ihre Hände und flüstern mit erlöschender Stimme: „Page“ – Der taucht dann, wie aus dem Boden gewachsen, bei ihnen auf und nimmt ihre Bestellungen entgegen. Die Regungslosigkeit auch dieses Mechanismus ist bewundernswert.

An den Spieltischen hocken auf erhöhten Sitzen Männer im Smoking wie Schiedsrichter in einem Match, das nur sie allein zu überschauen vermögen. Wer kämpft gegen wen? Das Roulette gegen die Chips? Oder der Croupier gegen die Spieler? Da gibt es Croupiers, die dem Laien zuerst wie smokingtragende Kavaliere, welche Chips fressen, erscheinen; dann aber werden sie leutselig und blättern die bunten Chips dem Spieler in langer Kette hin. Man darf ja nicht vergessen, daß Fortuna bei jeder Runde lächelt. Einmal dem spielenden Publikum und einmal... der Spielbank.

An den Roulette-Tischen sitzen manchmal Spieler, die wollen die Allüren Fortunas mathematisch errechnen. Sie führen Listen darüber, wie die Zahlen fallen, und suchen darin ein Gesetz zu erkennen. Es fällt mir ein, daß schon Plato von dem ägyptischen Gotte The-Uth berichtet, daß er die Arithmetik, Geometrie, Astronomie und das Glücksspiel erfand. Mathematik und Glücksspiel hatten den gleichen Vater... Die „System-Spieler“ also hoffen, ihr Glück mit dem Bleistift zu machen. Ich habe mir die Bleistifte angesehen: zwei waren kleine, abgenuppelte Tintenstifte, zwei waren Montblanc-Stifte, und einer schien aus Gold zu sein. Gerade dieser aber spuckte sehr viele Zahlen auf einen größeren Bogen besten Friedenspapiers aus, und die Stirn des Mannes war in Falten gekräuselt, als müßte er noch diesen Abend den ewigen Logarithmus errechnen.