Kiels Innenstadt ist zertrümmert. Brandbomben, Sprengbomben und Luftminen haben 35 v. H. aller Kieler Wohnhäuser vernichtet und 40 v. H. beschädigt, sie haben auch das Geschäftsviertel der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt ausgelöscht. Jetzt beginnt langsam der Wiederaufbau der Stadt. In erster Linie sind es Geschäftsbauten, Kaufhäuser und Werkstätten, die erstehen. In der Kieler Innenstadt wurde der Grundstein zu einem sechsstöckigen Geschäftsneubau gelegt. Am Rathausplatz wird ein Bankbau errichtet.

In der Öffentlichkeit vernimmt man zahlreiche Stimmen, die heftige Kritik üben, daß Geschäftshäuser gebaut werden, obwohl Zehntausende von Wohnungen fehlen und Tausende der nach Kiel eingewiesenen Flüchtlinge in primitiven Massenlagern hausen müssen. In einer Sitzung der Kieler Stadtvertretung nannte Kiels Oberbürgermeister Andreas Gayk (SPD) die Kritik an dem Bau von Geschäftshäusern „gedankenloses Geschwätz“. Das Kieler Stadtoberhaupt erklärte: „Ich weiß, wie sehr uns die Wohnungsnot auf den Nägeln brennt. Aber bin ketzerisch genug, zu sagen, daß der Aufbau von Arbeitsstätten, Werkstätten und Büros für die Bevölkerung Kiels noch wichtiger ist als der Wohnungsbau. Wenn unsere Wirtschaft zugrunde geht, werden uns die schönsten Neubauwohnungen nichts nützen. Dann wird es eines Tages nicht mehr das Wohnungsamt, sondern dann wird es die wirtschaftliche Not sein, die uns die Untermieter ins Haus führt, und die uns zwingt, weiterhin zusammengepökelt wie die Heringe zu leben.“

Der Oberbürgermeister wies darauf hin, daß Handel, Handwerk und Industrie es sind, die die Mittel für den Wiederaufbau der Stadt geben und neue Arbeitsplätze schaffen. Über 20 000 Arbeitslose zählt das Kieler Arbeitsamt, wie er sagte, und mehr als 20 v. H. aller erwerbsfähigen Einwohner Kiels seien heute ohne Erwerb: „Jeder Grundstein für ein Geschäftshaus aber bedeutet Arbeit und Brot für zahlreiche Familien.“ S-r.