V. Der Sarg aus Gold – Ein Antlitz, das 3000 Jahre niemand sah

Von C. W. Geraum

Seit der Entzifferung der Hieroglyphen durch den Franzosen François Champollion zu Beginn des vorigen Jahrhunderts mußten die Archäologen aller Länder einen weiten und beschwerlichen Weg zurücklegen, bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts Lord Carnarvon und Howard Carter vor der Mumie Tut-ench-Amuns standen (wir berichteten darüber in den Nummern 20 bis 23 der „Zeit“). Das Auffinden des Grabes von Tutench-Amun gehört zu den spannendsten Ereignissen der archäologischen Forschung in Ägypten. Zum Abschluß unserer Folge schildert C. W. Ceram die sensationellen Funde in der Grabkammer und den Särgen des Pharao, zu denen sich die Forscher in mühseliger Arbeit – immer auf Überraschungen gefaßt – Zugang verschaffen mußten.

Gewißheit konnte nur die Öffnung der Türbringen. Die nächsten Tage waren angefüllt mit dieser Arbeit. Wie Carter schon beim ersten Blick durch die kleine Öffnung festgestellt hatte, lag dahinter ein Gang, angefüllt mit Geröll. An der Verschiedenartigkeit dieses Gerölls war deutlich erkennbar, wo die Räuber in schulterbreitem Tunnel eingedrungen waren und auf welche Art sie den Gang wiederzugeschüttet hatten. Nach mehrtägiger Arbeit stießen die Ausgräber etwa zehn Meter in der Tiefe des Ganges auf eine zweite Tür. Auch hier fanden sich die Siegel Tutench-Amuns und der Königstotenstadt, auch hier aber war deutlich zu erkennen, wo unrechte Besucher bereits eingedrungen waren.

Die Hoffnungen der Ausgräber waren gedämpft. Dennoch stieg die Spannung, je mehr Geröll von der zweiten Tür entfernt wurde. „Der entscheidende Augenblick war gekommen“, schreibt Carter. „Mit zitternden Händen machten wir eine kleine Öffnung in der linken oberen Ecke – !“ Carter nahm eine Eisenstange und stieß sie hindurch; sie schwenkte frei durch leeren Raum! Er machte ein paar Flammenproben; keinerlei Gase machten sich bemerkbar! Carter strich mit nervöser Bewegung ein Zündholz an, entflammte eine Kerze und führte sie an das Loch; seine Handwar nicht sicher. Als er, buchstäblich zitternd vor Erwartung und Neugier, den Kopf der Öffnung näherte, um endlich den Blick ins Innere zu tun, brachte die heiße Luft, die sich von innen her ihren Ausweg suchte, die Kerze zum Flackern. Carter konnte im ersten Augenblick nichts erkennen. Als aber seine Augen sich an das matte Flackerlicht gewöhnten, als er erst Konturen, dann Schatten, dann erste Farben wahrnahm, als sich seinem Blick immer deutlicher abzeichnete, was der Raum hinter der zweiten versiegelten Tür enthielt – da brach er nicht etwa in verzückte Rufe aus, sondern er blieb stumm ... Eine Ewigkeit verging für die, die neben ihm warteten. Dann konnte Carnarvon die Ungewißheit nicht mehr länger ertragen und fragte: „Können Sie etwas sehen?“

Und Howard Carter wendet sich langsam um und sagt aus tiefster Seele, wie verzaubert: „Ja, wunderbare Dinge!“

„Sicher hatte man nie vorher in der ganzen Geschichte der Ausgrabungen so Wunderbares geschaut, wie es uns jetzt das Licht unserer elektrischen Lampe enthüllte.“ Das sagte Carter, als sich die erste Erregung der Entdecker gelegt hatte und sie nacheinander in Ruhe vor das Guckloch getreten waren. Und das Wort wurde gültig, als sie am 27. November die Tür geöffnet hatten, als das Licht einer starken elektrischen Lampe Blitze auf goldenen Bahren, goldenem Thronsessel, matte Reflexe auf zwei großen schwarzen Statuen, auf Alabastervasen und seltsamen Schreinen hervorrief. Bizarre Tierköpfe schleuderten verzerrte Schatten über die Wände. Aus einem der Schreine züngelte eine goldene Schlange. Wie Schildwachen standen sich die beiden Statuen gegenüber, „mit goldenem Schurz, goldenen Sandalen, mit Keule und Stab und mit der schimmernden heiligen Schlange an ihrer Stirn!“