Von Herbert Pritsche

Die Flut der dem Weltgeheimnis und dem verborgenen Licht gewidmeten Neuerscheinungen nötigt – ungeachtet der Bedeutsamkeit einiger dieser Bücher – zu einer summarischen Besprechung. Blickt man auf die Signaturen dieses Literaturgebietes, so fällt vor allem auf, wie unumgänglich das Okkulte, das konkret, um nicht zu sagen massiv Metaphysische für die meisten Autoren geworden ist. Noch vor zehn oder zwanzig Jahren war das verpönt.

In dem Naßlaßwerk des Grafen Hermann Keyserling, dem „Buch vom Ursprung“ (Bühler Verlag, Baden-Baden) pfeffert der temperamentvolle baltische Weisheitslehrer seine blitzend klugen und von hoher Intuition durchflammten Einsichten aufs Papier, imponierend und zuweilen ein wenig belustigend – bei allem Respekt. Oskar A. H. Schmitz sagte einmal von ihm, daß ihn eine gewisse Ungeduld kennzeichne, dumme und fehlsichtige Menschen nicht einfach an die Wand stellen und erschießen, lassen zu können. Aus der also gekennzeichneten Gemütslage doziert Keyserling in einer keinen Widerspruch duldenden Tonart seine Lebensernte in die Herzen und Hirne der fast etwas erschrockenen Hörerschaft. Peladans Wort, daß das Wunder das einzige auf Erden sei, was der Mühe lohnt, könnte als Motto über diesem Buch stehen, das mit Löwenpranken die Zugänge zum Hintergrund der Welt aufreißt und den metaphysisch blutarm gewordenen Europäer mit Höhenluft vollpumpt.

Martin Beheim-Schwarzbach, der Anthroposoph, gibt in seinem Büchlein „Paulus“ (Marion von Schröder Verlag, Hamburg) ein Bild des Apostels, das von der üblichen paulinischen Theologie abweicht und die Kraftquellen aufzeigt, die dem Bahnbrecher des Christuslichtes aus der göttlich-geistigen Welt erwuchsen, die ihn speiste und vorwärtstrieb. Ganz nach innen genommen wurde das Christuslicht von den Quäkern, den auf Priestertum und Kultus verzichtenden existentiellen Bergpredigt-Bürgen. Ihr großer Staatsmann William Penn, der mitten in indianischer Wildnis den Gottesstaat Pennsylvanien gründete, ist in dem kulturhistorisch bunten und aufschlußreichen Buche „William Penn“ von Emilia Fogelklou (Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg) als Realisator einer Demokratie von Gottes Gnaden dargestellt. Ein Buch für Skeptiker und Pessimisten, damit sie lernen: Man kann mitten im düsteren Weltenwirrwarr ein friedensfreudiger Christ sein und damit auf weithin leuchtende Weise historisch wirksam werden. Kaum einem Buche unserer Zeit möchte man so innig eine Auswirkung auf das Leben der Leser wünschen wie diesem!

Das hinterwäldlerische Amerika, in das Penn vorstieß, um es mit Gottesfrieden zu durchdringen, hat inzwischen mancherlei Sekten geboren, die das Heil aufs unbefangenste vereinfachen. An der Spitze marschiert, Materie und Weltenleid wackeren Herzens leugnend, die christliche Wissenschaft. Wie aus ihrer Sicht eine „Christliche Regierung“ beschaffen sein und funktionieren müßte, lehrt der Scientist Max Kappeler in seinem gleichnamigen Buche (The Foundational Book Company, London). Gebe Gott, daß das angeblich nicht vorhandene Böse dieser Welt einer nach diesen Vorschlägen arbeitenden Regierung möglichst wenig zu schaffen mache! Die Inder, die am anderen Ende der Welt wohnen, machen es sich keineswegs so einfache In ihrer Überzeugung von der grundsätzlichen Lehrbarkeit des Erlösungspfades haben sie zahlreiche Systeme produziert, das Heil zu erlangen. Das geheime Wissen von der All-Einheit methodisch nutzbar zu machen im Sinne einer stufen weisen Annäherung des Geschöpfes an die Gottheit mit dem hohen Ziel der mystischen Vereinigung – kein Erleuchteter hat das mit klarerer Philosophie vermocht als Shankara, der „Heilbringer“ (wie sein Name wörtlich übersetzt werden muß), der wahrscheinlich im 8. Jahrhundert n. Chr. lebte. Helmut von Glasenapp, dem wir bereits zahlreiche Werke über indische Religion, Geheimwissenschaft und Philosophie verdanken, schildert in seiner klaren, soliden und – bei Wahrung aller Tiefen – volkstümlichen Art Shankaras Lehre in seinem neuen Buche „Der Stufenweg zum Göttlichen“ (Bühler Verlag, Baden-Baden). Indische Gottesweisheit kann auch für den Christen heiliges Licht sein, denn – sagt Nathan Söderblom – es gibt so viele „Alte Testamente“, wie es Hochreligionen der Menschheit gibt. Da das Unwissen über die nichtchristlichen Religionen noch immer weit verbreitet ist, darf man das schmale Schriftchen „Die Religionen und die Welt“ von Gustav Mensching (Ludwig Röhrscheid Verlag, Bonn) herzlich begrüßen, zumal es nicht nur vorzüglich orientierend, sondern auch von höchstem religionskundlichem Niveau her verfaßt ist. Sollte noch irgendwer nötig haben, über den groben Unfug belehrt zu werden, der Religion und Christentum durch die Zerrbrille der Rassenkunde betrachten zu müssen meinte, so kann er Menschings Broschüre „Religion, Rasse und Christentum“ lesen (C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh). Die Leser werden sich nach dem – vermutlich überflüssigen – Heft kaum drängen, sie sollten es aber, soweit sie Einblick in die fundamentalen Unterschiede der magischen und der religiösen Welthaltung zu erlangen wünschen, angesichts des gewichtigen Werkes „Magie und Religion“ von Carl Heinz Ratschow tun, das im gleichen Verlage erschien. Wer Danzel, Dacqué, Frazer und van der Leeuw studiert hat, wird dankbar sein für diese neue, enorm tatsachenreiche und das Magische als Wirklichkeit ernstnehmende und als Zwielichtgelände aufhellende Untersuchung. Wir Deutschen sind – im Gegensatz zu England und Frankreich – arm an solcher Literatur, die dennoch für Völkerkundler, Psychologen, Okkultisten und Religionswissenschaftler gleichermaßen wichtig ist.

Zum Ausgleich haben wir grundgelehrte, für systematische Gesamtdarstellungen hervorragend qualifizierte Männer auf fast allen anderen Gebieten. Der von der Theologie zur Philosophie hinübergeschwenkte Kurt Laesø darf von seinem fleißigen, klugen und klar aufgebauten Buche „Die Religionskrisis des Abendlandes und die religiöse Lage der Gegenwart“ (Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg) mit berechtigtem Leistungsstolz behaupten, daß er seine Leser gründlich orientiert und weltanschaulich überreich beschenkt. Ein hervorragend geschriebenes Professorenbuch im besten; Sinne des Wortes!

Ähnliches gilt von der „Metaphysik der Seele“, die – wesentlich nüchterner als Leese, B. Rosenmüller den Geistigen des Katholizismus zur Verfügung stellt (Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung, Münster). Der Gewinn des strengen, scholastisch geläuterten Werkes ist die Erkenntnis von der Gottbezogenheit des menschlichen Seins auch dort, wo der Mensch sich gottfern wähnt. Da das Buch Denker in Fromme verwandeln kann, kommt ihm bei denen, die denken können und wollen, eine große Bedeutung zu. Wesentlich bescheidener gemeint sind die „Briefe an Bernhard“, in denen Josef Rüther einen jungen Menschen in die Welt des katholischen Ethos und des durchdachten Dogmas einführt (Verlag Regensberg, Münster). Es gibt viel – vielleicht zu viel – Literatur solcher Art, aber offenkundig findet sie Gegenliebe und stiftet mithin Nutzen im einer Zeit, in der alles begrüßt werden muß, was den Nihilismus der Jugend bekämpft.