Nach dem Ende der „Achse Rom – Berlin”

Von Indro Montanelli, Mailand

Der Verfasser, einer der bekanntesten italienischen Journalisten, ständiger Mitarbeiter des Nuovo Corriere della Sera, spricht sich mit Freimut über die Gefühle aus, welche die meisten Italiener heute gegenüber Deutschland und den Deutschen hegen. Manches, was er schreibt, könnte in unserem Lande vielleicht mißverstanden werden. Uns ist jene Mischung von Charme und Ironie nicht gegeben, mit der die Italiener einen Standpunkt wechseln können, sobald ihre Großherzigkeit ihnen das erlaubt oder vorschreibt. Wir wollen nicht vergessen, daß es Italien, genauer gesagt, die Republik Venedig, war, wo zuerst die moderne Diplomatie und die Gepflogenheit, ständige Gesandtschaften in fremden Ländern zu unterhalten, entwickelt worden ist. Diplomatie verlangt die Fähigkeit, Freiheit des Handelns und das Schließen bindender Verträge geschmeidig zu vereinen. Uns ist im allgemeinen diese Begabung nur in geringem Maße verliehen. Um so mehr sollten wir versuchen, diesen Vorzug der Italiener zu verstehen, also zu begreifen, daß gerade in dem Wandel eines Standpunktes sich die Beständigkeit einer Gesinnung zeigen kann. Und gleichfalls sollten wir uns dankbar freuen über die heute immer wieder zutage tretende Freundschaft, der wir beim italienischen Volk begegnen. Eine schöne Tradition wird dadurch fortgesetzt. R. T.

Mailand, Mitte Juni

Vor einiger Zeit wurde in Italien die Errichtung eines Denkmals zu Ehren des „unbekannten Soldaten“ des zweiten Weltkrieges diskutiert. Hier bei uns sind alle Gelegenheiten günstig, um Denkmäler zu bauen, nicht zuletzt, weil man dann am Tage der Einweihung ein Fest feiern kann; außerdem gibt das immer Arbeit für Bildhauer und eine Handvoll Handwerker. Dieser Vorschlag, ein Denkmal des „unbekannten Soldaten“ zu schaffen, ist jedoch gefährlich, weil er gewisse politische Spekulationen geradezu herausfordert. 1919 gab es in Italien keine Zweifel über die Wahl des Toten, der als Symbol für alle für das Vaterland Gefallenen gelten konnte. Es genügte, irgendeinen Toten der großen italienischen Kriegerfriedhöfe auszugraben und von neuem unter dem pompösen und scheußlichen Denkmal beizusetzen, das in Rom auf der Piazza Venezia schon gebaut war. Aber dieses Mal ist die Wahl ungleich schwieriger. Wer waren die wirklich für das Vaterland Gefallenen? Jene, die in Afrika gegen die Engländer Krieg geführt hatten, auf dem Balkan gegen die Jugoslawen, am Don gegen die Russen, oder jene, die nach dem 8. September 1943 in Stadt und Land gegen die Deutschen kämpften? Die ersten sind erheblich Zahlreicher; aber die zweiten haben gesiegt oder besser gesagt: sie hatten den Sieger zum Verbündeten.

Bitte, sprechen Sie deutsch?

Das Problem ist in der Tat äußerst schwierig, und um die komplizierte Frage zu klären, schrieben Leo Longanesi, einer der intelligentesten und vorurteilsfreies ten italienischen Schriftsteller, und ich einen kleinen „Sketch“. Auf der Bühne sollte der Präsident der Republik erscheinen, in Cut und Zylinder neben dem Sarg des „unbekannten Soldaten“, der begraben werden sollte. Der Präsident sollte eine Rede halten zu einer imaginären Volksmenge hinter den Kulissen und ihr sagen, daß dieser tote Soldat in einem Grabe im Apennin gefunden worden sei, das keinerlei Angaben über die Person des Toten und seine Truppenzugehörigkeit enthalten habe. „Er ist Sinnbild des Blutes und der Opfer Italiens in diesem Kriege“, mußte der Präsident dann sagen, ernst und mit einer ehrerbietigen Verbeugung zu dem Sarge hin. Der aber sollte sich in diesem Moment von selber öffnen, und das Skelett des Toten sollte aufstehen und den Redner in deutscher Sprache fragen: „Bitte, sprechen Sie deutsch?“ – Natürlich wurde dieser Sketch niemals aufgeführt und wird es auch niemals werden, aber er soll – wenn auch in sehr paradoxer Form – die moralische Verwirrung des italienischen Volkes gegenüber den anderen Völkern und gegenüber sich selber zeigen.