Als im Laufe des letzten halben Jahres manche Dezernenten von Lübeck mehr oder weniger heftige Anzapfungen ob des der Stadt entgangenen fetten Brockens der Niederlassung des „größten“ deutschen textilen Vertikalbetriebes einstecken und das Lob der so viel konzilianteren Stadt Hamm sich vorhalten lassen mußten, ahnten sie nicht die Gunst des Schicksals, das sie vor der Verwicklung in die größte Nachkriegsköpenickiade bewahrt hatte. Die „Westfälische Textilwerke AG.“ ist geplatzt, und das „zunächst nur“ 40 Mill. DM betragende Aktienkapital, die 5 Mill. DM für die Wohnungsbau-AG. – man war auch in sozialer Beziehung nicht kleinlich –, die 100 000 Baumwollspindeln und die 140 000 Kammgarnspindeln haben sich ebenso in ein Nichts verflüchtigt wie alle anderen Pläne: die „schon“ für Ende dieses Jahres nach Rekordbauzeit von riesigen Hallen in Aussicht gestellte Tagesproduktion von 140 000 Metern Kammgarntuch. 90 000 Metern Baumwollware, die Kleiderfabrik „eines ausländischen Konzerns“, die englische Webstuhlfabrik mit einer „schon“ im November zu erreichenden Monatskapazität von 50 Webstühlen, das Repräsentationshaus „in Verbindung mit einem internationalen Hotel“ am Bahnhof Hamm – und was sonst noch verheißen wurde.

Das alles war nur (ja, was war es eigentlich?) Betrug. Aber der inzwischen eingesperrte „Treuhänder“ bekannter (aber ihn angeblich nicht kennender) ägyptischer Plantagenbesitzer und überseeischer Textilfabrikanten hat kaum Gelegenheit zu persönlicher Bereicherung gehabt. Bestand bei ihm die Hoffnung, daß, wenn die „Idee“ da war, schon jemand auf sie hüpfen und dann auch den „genialen Erfinder“ mit ins Geschäft nehmen würde? Und es war bereits die Rede davon, deutsches Kapital zur Überbrückung der durch die „Transferschwierigkeiten“ entstandenen Verzögerungen heranzuziehen. Aber so „solide“ Absichten befänden sich in innerem Widerspruch zu all den Lügen, Düpierungen und falschen Angaben des „Gründers“. War es Größenwahn? Krankhaftes Geltungsbedürfnis? Tatsächlich deutet der Anwalt des „Dipl-Kfm.“ Beer schon Schizophrenie des „Hauptmanns von Hamm“ an. Kann wohl sein, daß er recht hat.

So bleibt denn ein peinlicher Rest nicht nur für die erst so heftig beneidete und nun so arg belächelte Stadt Hamm, deren Kommuniques über die riesenhaften Projekte noch hinausgingen, als der Arnsberger Regierungspräsident schon mit der Staatsanwaltschaft korrespondierte. Bei ihr mag der Wille, Nachkriegsnöte und Demontagefolgen zu beseitigen, brachliegende Gelände und zerbombte Straßenzüge zu bebauen und Ersatz für ausgefallene Steuern zu finden, den Blick und das Urteil getrübt haben. Aber auch Firmen von Rang und Namen saßen dem diesmal nicht aus Köpenick, sondern aus der Tschechei stammenden Schwindler auf. Zeigen sich da nicht Parallelen zwischen einst und jetzt, nämlich ein kritikloser Autoritätsglaube: Jener trug die Ehrfurcht heischende Hauptmannsuniform, dieser umgab sich mit der Gloriole der Auslands-Millionen und – der Autorität der ihm vertrauenden Behörde.

Leicht ist dem Schaden der Spott hinzuzufügen, doch sei dies ferne von uns. Man wolle jedoch den Hereinfall nicht mit der Flucht hinter den Rücken der Behörde und auch nicht einfach damit abtun, daß eigene Konsularvertretungen im Ausland mit schnellen Erkundungsmöglichkeiten gefehlt hätten. Vielmehr sollte man – vielleicht noch nicht wieder gewohnt der nachlassenden Gängelung und der freieren Luft (auch für negative Erscheinugen) – das Beklopfen der eigenen Brust nicht versäumen, zumal die oft (und nicht selten zu Unrecht) schief angesehene Behörde diesmal immerhin (wenn auch auf dem Umweg über Arnsberg) die Luftblase zum Plauen gebracht hat. Quod non erat demonstrandum, aber doch vermerkt werden soll.

Sf.