Liebe und Intelligenzquotient

Von Paul Hühnerfeld

Düsseldorf, im Juni.

Sicher gibt es Mütter und Lehrer, die auch ohne die Ergebnisse der modernen Psychologie mit ihren Kindern fertig werden; aber selbst für sie wäre es wahrscheinlich nützlich gewesen, auf dem Kongreß „Das schwer erziehbare Kind in Familie und Schule“, der in diesen Tagen zu Düsseldorf stattfand, einiges über die Gründe für die Schwierigkeiten zu erfahren, die ihnen die Kinder bei der Erziehung bisweilen bereiten.

Die Psychologie hat sich ja – vor allem seit sie durch Freud, Adler und Jung zur „Tiefenpsychologie“ geworden ist – mehr und mehr der Kinder angenommen: sie hat eingesehen, daß all die Komplexe, Hemmungen, Verdrängungen und seelischen Überlagerungen – viele der seelischen Störungen also, die den modernen Menschen „auszeichnen“ – auch im Kindesalter deutlich sichtbar werden können. Und von dieser Einsicht aus wird die wissenschaftlich-psychologische Beschäftigung mit dem Kind freilich dringend: denn noch nie war eine Jugend seelisch so verwahrlost, noch nie so sehr aus den normalen Gleisen der Kindheit herausgedrängt (noch nie so wenig jung) wie die Jugend Europas nach dem zweiten Weltkriege. Noch ist es Zeit, die schlimmsten Schäden zu verhüten, bevor diese Kinder Erwachsene sind.

Auf dem Kongreß führte der Utrechter Psychologe Professor Langeveldt allerdings aus, daß es keine neuen Gründe für die Schwererziehbarkeit des Kindes gäbe. Nach dem zweiten großen Krieg seien „nur“ die alten Anlässe in beängstigender Häufigkeit aufgetreten. Man weiß ja heute, daß schon die erste Begegnung des Säuglings mit der Welt auch die erste Gefährdung mit sich bringt. So führt ein Zuviel an mütterlicher Liebe in den ersten Kindesjahren oft dazu, daß der erwachsene Mensch später im Leben zuviel erwartet –: daß sein Wünschen in keinem Verhältnis zur Wirklichkeit steht. Das Leben wird für ihn zu einer einzigen Enttäuschung; nie gibt es ihm das, was ihm doch – so meint er – zusteht. Wie aber, wenn Kinder zu wenig Liebe erfahren? Sie sind gehemmt schon in den ersten Lebensjahren, sie leisten wenig, da sie sich von vornherein nichts zutrauen. Dies aber ist es ja gerade, was den europäischen Menschen von heute neben vielem anderen eigen ist: daß er die Liebe – wo er noch fähig dazu ist – nicht mehr recht zu verteilen versteht, selbst nicht mehr bei seinen eigenen Kindern.

Für die Teilnehmer am Düsseldorfer Kongreß war der Vortrag des Londoner Psychologen Dr. Reising, der über die modernen Forschungsergebnisse der Psychologie beim schwer erziehbaren Kinde berichtete, von großer Wichtigkeit. Zuerst erwähnte er die Untersuchungen, die sich um den Intellekt des Kindes bemühen. Da findet man immer wieder Kinder, die völlig normal, ja intelligent sind, aber in der Schule in einem bestimmten Fach, zum Beispiel in der Mathematik, versagen. Diese Fehlleistung auf bestimmtem Gebiet läßt auf einen spezifischen Mangel im Intellekt schließen, der bisweilen durch andere Anlagen auskompensiert, niemals aber ganz behoben werden kann. In England hat man das eingesehen und versucht, durch ein entsprechendes Schulsystem diese Fehler auszugleichen. Es sollen drei Schulen eingerichtet werden: eine technische, eine sprachliche und eine „moderne Schule“. Die moderne Schule wird von den Kindern besucht, die weder besondere Fähigkeiten noch besondere Mängel haben. Auch Berufsberatung, Begabtenprüfung und Auslese müssen auf diese Feststellung der Psychologie Rücksicht nehmen. Selten wird man Kinder finden (von pathologischen Fällen abgesehen), die ganz dumm oder ganz klug sind:-immer werden die dummen irgendwo klug, die klugen irgendwo dumm sein. Der „Intelligenzquotient“ – so nennt die Psychologie den Grad der Intelligenz eines Kindes, den sie durch Testen feststellt – bleibt von solchen Mängeln meistens unberührt.