Von unserem England-Korrespondenten

E. G. London, im Juni

Hunderte von Delegierten des Labour-Parteitages in Blackpool mußten sich einen Tag eher als notwendig auf den Weg machen, weil – wie an mehreren Sonntagen vorher – auch am Pfingstsonntag die Eisenbahner in Nordostengland streikten. Auf dieser vorzeitigen Reise werden den Abgeordneten die Ohren geklungen haben von den ärgerlichen Verwünschungen des ganzen Volkes, das sich seiner traditionellen Pfingstreisen beraubt sah. Auch dem radikalsten Anhänger der Labour-Ideale wird das Mißverhältnis zwischen der Ursache dieses inoffiziellen, aber insgeheim von der Eisenbahnergewerkschaft doch gebilligten Streiks und seinen verbitternden Folgen unliebsam aufgefallen sein.

Demokratische Parteitage haben eine doppelte Funktion: sie sollen einmal als Sicherheitsventil für den Überdruck angesammelter Argumente dienen, und zum anderen als Mittel und Weg, eine möglichst einheitliche Einstellung zu den aktuellen Problemen zu entwickeln. So ist es nicht verwunderlich, daß es der Führung der Labour-Partei sehr ungelegen kommt, wenn angestaute Streitfragen sich nicht über das vorgesehene Sicherheitsventil Luft machen, sondern über mehr oder minder wilde Streiks der Eisenbahner und Hafenarbeiter. Das gleiche gilt für kommunistische Störungen einer einheitlichen Meinungsbildung, die keineswegs schon durch den vom Parteitag rasch gebilligten Ausschluß der Abgeordneten Solley und Zilliacus endgültig abgestellt worden sind.

Die Kritik in Blackpool nahm in der Hauptsache zwei Richtungen: Die Schwächen der bisherigen Sozialisierung führten zu der Forderung stärkerer und direkter Beteiligung der Arbeiterschaft an der „Kontrolle“ der verstaatlichten Wirtschaftszweige. Die Eisenbahnen gaben dabei ein besonders aktuelles Beispiel ab. Der zweite Kritikpunkt bestand in Klagen über die Steigerung der Lebenshaltungskosten, die angeblich zu geringe Beteiligung der Arbeiterschaft im Sozialprodukt (trotz Erhöhung des Lohnanteils von 39 v. H. im Jahre 1938 auf 48 v. H. für 1948 nach Abzug der Einkommensteuer!) und der Ruf nach Senkung der Preise, der „Gewinn?“ und der Steuern. Dies machte eine Lektion durch den Schatzkanzler notwendig. „Ohne Zugeständnisse an menschliche Hoffnungen und Schwächen“ sprach Sir Stafford Cripps das Wichtigste deutlich aus: Die Zeiten, in denen Labour seinen Anhängern Vorteile durch Neuverteilung des Kuchens verschaffen kann, sind vorüber. Jetzt muß Labour mithelfen, den Kuchen größer zu machen, wenn sich das Los seiner Anhänger verbessern soll.

Der öffentlichen Pillenverteilung durch Cripps muß ein Probeschlucken im Parteivorstand vorausgegangen sein. Die ersten Wirkungen zeigte Gesundheitsminister Aneurin Bevan, bisher schärfster Vorkämpfer ständig wachsender sozialer Leistungen, der heißblütige Walliser, der vielleicht die vitalste, bestimmt die radikalste Persönlichkeit in der Labour-Führung ist. Am Vorabend des Parteitages sagte er bereits in einer Rede, einige Labour-Anhänger und Gewerkschaftler hätten offenbar mehr materielle Vorteile erhalten, als ihrem Geiste bekömmlich sei. Hätten sie härter, für diese Vorteile kämpfen müssen, würden sie ihnen vielleicht höheren Wert beimessen. In seiner Antwort während der Debatte über Labours Wahlprogramm wurde er noch deutlicher und bezeichnete den Zustand als überwunden, in dem „der Kapitalismus die Arbeit zum Feind der Menschen machte“. Er forderte nicht nur, daß die Labour-Partei ihren alten idealistischen Geist für die Konsolidierung der errungenen Erfolge und für die Ausnutzung der neuen Position einsetzen solle. Er bekannte sich auch – sicherlich zur Überraschung vieler seiner Freunde – zur privaten Unternehmerinitiative, mit der sich der Sozialismus im freien Wettbewerb messen wolle.

Bevan, der Einpeitscher für die Sozialisierung der Stahlindustrie, als Befürworter des freien Unternehmers, das ist ein höchst bemerkenswerter Bekehrungserfolg! Bevan steht heute mit Morrison, Cripps und Attlee in einer Reihe für eine entschlossene Politik vernünftiger Konsolidierung. Diese Entscheidung hat auf den linken Flügel der Labour-Partei und der Gewerkschaften einen erheblichen Eindruck gemacht.