Schon vor Jahren hat Julius Bab darauf hingewiesen, daß der große Erfolg der Undset nicht wie der von Ibsen, Hamsun und anderen Norwegern im Ausland geschaffen worden ist, sondern in der Heimat der Dichterin selbst. Erst danach wurde das Ausland auf die norwegische Autorin aufmerksam. – Sigrid Undset, Tochter eines Archäologen, trat 1907 mit dem historischen Roman „Frau Marta Oulie“ in die Öffentlichkeit. Seitdem hat sie über 30 Romane geschrieben. Ein Welterfolg wurde das mehrbändige Epos „Kristin Lavrans Tochter“, das sowohl seiner Erzähltechnik wie seinem Inhalt nach „im letzten Sinne ein ganz altmodisches Buch“ (Bab) ist. Es stellt nichtsdestoweniger ein „document humain“ des norwegischen Lebens von hohem Range dar, Sigrid Undset erhielt den Nobelpreis (1928) und den selten verliehenen St.-Olavs-Orden (1947).

Die Dichterin verlor während des Krieges in Norwegen – es war im Frühjahr 1940 – ihren Sohn. Als sie zur Mitarbeit an dem deutschen Friedensbuch „Der Ruf der Mütter“ aufgefordert wurde, lehnte sie ab: „... weil es so vieles gibt, was ich noch mehr als den Krieg hasse und fürchte – zum Beispiel einen Frieden, der den Menschen geistig oder materiell versklaven würde. Es ist wahr, daß ich meinen ältesten Sohn verlor. Das bedeutet, daß ich nie wieder froh werden kann; aber glauben Sie, daß ich ihn lieber hätte leben sehen, wenn die nächste Generation von norwegischen Kindern, vielleicht seine Kinder, als Hitler-Jugend oder Komsomolzen erzogen werden sollte? Gewiß nicht. Es gibt Furchtbareres in der Welt als Tod und Vernichtung.“

Sigrid Undset starb dieser Tage in Lillehammer im Alter von 67 Jahren. Sie verbrachte die letzten Monate viel in Oslo und beschäftigte sich mit Gegenwartsfragen. Ausländische Besucher, auch aus Deutschland, empfing sie freundlich und hilfsbereit. In literarischen Kreisen Norwegens heißt es, sie habe einen großen Gegenwartsroman hinterlassen – als besonderen Tribut an diese Zeit. Rolf Italiaander