Von unserem Berliner Korrespondenten K. W. Berlin, Mitte Juni

Selten hat ein Streik so viele Probleme in Bewegung gebracht und so viele allgemein politische Hintergründe sichtbar gemacht wie der S-Babn-Streik in Westberlin, Zweifellos ist er auch aus Lohngründen entstanden. Aber die Streticgründe wurzeln nicht in absolut schlechten Lohnverhältnissen, sondern in den unmöglichen Zuständen, in die die Westberliner Eisenbahner durch die letzte Berliner Währungsregelung vom 20. März dieses Jahres geraten sind. Seit jenem Tage sind sie nämlich in der Zwangslage, daß sie in Westberlin wohnen, alle ihre Ausgaben deshalb in Westgeld vornehmen müssen, aber lediglich Ostgeld hierfür zur Verfügung haben. Die Kursspanne zwischen des beiden Währungen verringerte das Einkommen der Eisenbahner mindestens um 300 v. H. auf ein Viertel ihrer Bezüge.

An der wirtschaftlichen Unmöglichkeit dieses Zustandes setzen sogleich die politischen Komplikationen ein. Es ist außer allem Zweifel, daß die Westberliner Eisenbahner in dieses Dilemma durch eine westalliierte Währungsmaßnahme geraten sind. Nach dieser Währungsverordnung fallen sie nämlich unter die Kategorie der Westberliner, die in Westberlin wohnen, aber im Ostsektor arbeiten Ihnen steht nominell ein bei den Westberliner Bankbehörden vorzunehmender Umtausch von mindestens 60 v. H. ihrer Bezüge im Verhältnis 1:1 zu.

Nun sind die Westberliner Eisenbahner aber Angestellte der Reichsbahndirektion Berlin, die ein Teil der ostzonalen Reichsbahnverwaltung ist. Aus diesem Umstand ergaben sich jene hochpolitischen Entladungen, die oft genug auch am Verhandlungstisch in Paris eine Rolle spielten. Der Streik wuchs weit über einen Ausstand aus Lohngründen hinaus. Es wurde ein Streik gegen eine Institution: eben gegen die ostzonale ReichsbahnVerwaltung, die infolge der komplizierten Verkehrsverhältnisse der Riesenstadt als einzige Institution der Ostzone noch ihre Verfügungsgewalt über Gesamtberlin ausstrecken kann. Der Arbeitgeber, gegen den die Streikenden sich wandten, war – und dies ist wahrlich ein Novum in der Geschichte der Streiks – eine kommunistisch geleitete Institution, eben die Reichsbahndirektion. Und die Organisation der Streikenden, die Unabhängige Gewerkschaftsorganisation, wurde von dieser kommunistischen Behörde nicht einmal als Koalitionspartner anerkannt. Dies vor allem deshalb, weil hinter der ostzonalen Reichsbahndirektion die sowjetische Besatzungsmacht steht, die die UGO, eben jene von beinahe 100 v. H. der Westberliner Arbeitnehmer als ihre Gewerkschaft anerkannte Organisation, als nicht existent betrachtet. Die Arbeitenden streikten also gegen einen kommunistischen Arbeitgeber und die hinter ihnen stehenden Vertreter eines kommunistischenStaates. Der mehrfache Versuch dieser kommunistischen Behörden, einen mit Bahnpolizei und zwangsmäßig herangeführten Osteisenbahnern großangelegten Streikbruch zu organisieren, führte zur Besetzung der Westberliner Bahnhöfe durch Westpolizei.

Und dann geschah das Merkwürdige. Obwohl formell die Ostbehörden sich weigerten, reguläre Verhandlungen mit der UGO zu führen, boten sie für wesentliche Teile der Forderungen Erfüllung an; vor allem eine mindestens 60prozentige Entlohnung in Westmark. Dieses Angebot bedeutete eineAnerkennung der in Ostberlin und in der Ostzone als illegal verbotenen Westmark. Auch wurde ein Verzicht auf alle Repressalien gegen die vom Streik Zurückkehrenden zugesagt. Dennoch hatten die Eisenbahner in einer ersten Urabstimmung mit etwa 93 v. H. sich gegen diese Bestimmungen entschieden. Erst als die allgemeinen politischen Zusammenhänge ein Nachgeben notwendig machten, beendeten sie den Ausstand, Diese Notwendigkeit lag offen zutage: der Streik bedrohte mit seinen weit in den Zonen- und Interzonenverkehr sich erstreckenden Hinderungen die Auswirkung der New Yorker Abmachungen. Die Vorwürfe der Außenminister gegen die Sowjetunion, das Abkommen über die Aufhebung der Berliner Blockade werde von den Sowjets nicht eingehalten, wurden verdunkelt durch die sowjetischen Argumente, der Berliner Eisenbahnerstreik verhindere eben die volle Auswirkung der „Verkehrserleichterungen“. So wichtig den Westberliner Eisenbahnern auch die weiteren Forderungen sein mußten, innerhalb der Eisenbahnverwaltung eine eigene Westberliner Personalabteilung zu schaffen oder gar das Westberliner Bahnsystem aus dem der Ostzone zu lösen, dringlicher war die Beendigung des Streiks, damit die äußeren Voraussetzungen für den freien Zugverkehr zwischen Ost und West Wiederhergestellt werden konnten. Zudem war der größte Teil der materiellen Erwartungen den Eisenbahnern durch die Ostbehörden selbst zugesichert worden, und für den politischen Teil war mindestens die Zusage einer westalliierten Bürgschaft gegeben.