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Folgendes war Carter klar: Auf keinen Fall durfte er gleich mit schneller Ausgrabung beginnen. Abgesehen davon, daß es wichtig war, die ursprüngliche Lage aller Gegenstände genau festzustellen (um Zeitbestimmungen und andere Anhaltspunkte zu gewinnen), mußte berücksichtigt werden, daß sehr viele Geräte und Kostbarkeiten sofort nach Berührung (oder vorher) zu konservieren waren, damit sie erhalten blieben. Dazu war nötig, daß bei der Größe des Fundes ein umfangreiches Lager von Präpariermitteln und Verpackungsstoffen angelegt wurde. Der Rat Sachverständiger über die beste Behandlungsart mußte eingeholt werden, ein Laboratorium mußte geschaffen werden, um die Möglichkeit einer Sofortanalyse wichtiger, aber unter dem Zugriff eventuell zerfallender Stoffe zu gewinnen. Allein das Katalogisieren eines solchen Feindes bedurfte großer organisatorischer Vorarbeit. Das alles verlangte Maßnahmen, die nicht vom Fundort aus zu treffen waren. Es war nötig, daß Carnarvon nach England ging und Carter zumindest nach Kairo. In der Zuschüttung des Grabes sah Carter – auch wenn er Callender als Wächter zurückließ – die einzige Möglichkeit, sich vor jedem Zugriff moderner Nachfahren der Abd-el-Rasuls zu schützen. Darüber hinaus bestellte er, kaum in Kairo angekommen, ein schweres Eisengitter für die innere Tür!

Gründlichkeit verlangt Zeit. Die Arbeit am Grabe Tut-ench-Amuns dauerte mehrere Winter. Wir folgen dem wunderbaren farbigen Bericht Howard Carters nur in den Höhepunkten. So ist es auch unmöglich, die Funde näher zu beschreiben. Nur ein paar der allerschönsten Stücke dürfen nicht unerwähnt bleiben. Die hölzerne Truhe etwa, eins der künstlerisch wertvollsten Stücke ägyptischer Kunst. Sie war mit dünner Gipsschicht bezogen und auf allen Seiten, bemalt. Und bei dieser Bemalung paarten sich Farbgewalt und Farbempfinden mit ganz außerordentlicher Feinheit der Zeichnung. Die Jagd- und Schlachtenszenen sind mit solchem Sinn für das wohlkomponierte Detail gezeichnet, daß sie selbst persische Miniaturen übertreffen. Diese Truhe war mit vielerlei Gegenständen gefüllt. Und es ist ein gutes Beispiel für die Sorgfalt der Arbeit, die von den Wissenschaftlern geleistet wurde, daß es Carter drei Wochen schwerster Arbeit kostete, um auf den Boden der Truhe zu gelangen!

Nicht weniger bedeutend waren die drei großen Bahren, von deren Gebrauch man durch Grabmalereien wußte, von denen aber noch nie eine gefunden worden war. Es waren merkwürdige Möbelstücke, mit einer Erhöhung für die Füße statt für den Kopf, die erste mit Löwenköpfen, die zweite mit Kuhköpfen, die dritte mit einem Kopf halb Nilpferd halb Krokodil geschmückt. Alle drei Bahren waren überschüttet mit Kostbarkeiten, mit Waffen und Kleidern; ein Thronsessel lag darauf mit derart verzierter Rückenlehne, daß Carter „ohne zu zögern“ behauptet, „daß sie das schönste darstellt, was bis jetzt in Ägypten gefunden worden ist!“

Und schließlich sind die vier Wagen zu nennen, die zu groß gewesen waren, um unzerlegt ins Grab geschafft werden zu können. So hatte man sie zersägt. Die Räuber hatten sie außerdem noch einmal durcheindergeworfen. Alle vier Wagen waren von oben bis unten mit Gold bedeckt; jeder Zoll war entweder mit eingehämmerten Ornamenten und Bildern oder mit eingelegten Bildern aus farbigem Glas und Steinen geziert.

Am 13. Mai rollten bei 37 Grad im Schatten auf einer Feldeisenbahn, deren Schienen hinten stets abgebrochen werden mußten, um vorn ein neues Gleis zu geben, die ersten vierunddreißig schweren Packkisten hinunter zum Frachtboot auf dem Nil! Die Kostbarkeiten rollten denselben Weg, den sie in umgekehrter Richtung vor mehr als dreitausend Jahren in feierlicher Prozession zurückgelegt hatten! Sieben Tage später waren sie in Kairo!

Mitte Februar war die Vorkammer ausgeräumt. Es war Platz geschaffen für die Arbeit, der alle mit Spannung entgegensahen: Die versiegelte Tür zwischen den beiden Schildwachen konnte geöffnet werden. Jetzt wurde Gewißheit darüber erwartet, ob die nächste Kammer die Mumie barg. Als sich am Freitag, dem 17. Februar, nachmittags 2 Uhr, die etwa zwanzig Personen in der Vorkammer versammelten, die der Ehre des Dabeiseins gewürdigt worden waren, ahnte keiner von ihnen, was er zwei Stunden später sehen sollte. Nach den Schätzen, die bereits geborgen worden waren, war es schwer, sich vorzustellen, daß noch Bedeutsameres, noch Kostbareres ans Licht kommen könnte.

Die Besucher – es waren Regierungsmitglieder und Wissenschaftler – nahmen auf engen Stuhlreihen Platz. Als Carter den treppenartigen Vorbau erkletterte, dessen Höhe ihm das Lösen der Türsteine bequemer machen sollte, wurde es totenstill.

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Carter nahm mit größter Vorsicht die oberste Schicht der Steine heraus. Die Arbeit war zeitraubend und schwierig, denn es bestand Gefahr, daß Steine sich lösten, nach innen fielen und zerstörten oder beschädigten, was immer sich hinter der Tür befand. Außerdem mußte er versuchen, die der Wissenschaft wichtigen Siegelabdrücke zu erhalten. Als sich die erste Öffnung zeigte, gesteht Carter: „Die Versuchung, jeden Augenblick innezuhalten und hineinzuschauen, war unbezwinglich!“ Gedämpftes Raunen erhob sich, als sich Carter nach etwa zehn Minuten die an langer Schnur befestigte elektrische Lampe reichen ließ und sie durch die Öffnung einführte.

Was er sah, übertraf jede Erwartung, ja, es war ungeheuerlich und im ersten Augenblick völlig unbegreiflich.

Carter sah sich vor einer blinkenden Wand, die er, von rechts nach links blickend, nicht abmessen konnte. Sie versperrte den ganzen Eingang. Carter führte die Lampe so tief ein, wie er konnte. Er stand vor einer Mauer aus massivem Gold!

So schnell es ging, lockert er weitere Steine. Jetzt konnten auch die anderen den goldenen Glanz sehen Als ein Stein nach dem anderen entfernt und immer mehr der goldenen Mauer sichtbar wurde, da – schreibt Carter – „konnten wir wie durch eine elektrische Leitung das Prickeln der Erregung spüren, in das die Zuschauer hinter der Schranke gerieten“.

Jetzt aber wurde klar, was es mit dieser Mauer auf sich hatte. Sie standen tatsächlich vor dem Eingang der Sargkammer. Und was sie als Mauer sahen, war die Vorderwand eines ganz ungewöhnlich großen, wahrscheinlich des kostbarsten Totenschreins, den je ein Mensch erblickt hatte. Des Schreins, der in seinem Innern die Särge und schließlich den Sarkophag mit der Mumie bergen mußte.

Zwei Stunden schwerer Arbeit waren nötig, um den Eingang so zu öffnen, daß die Sargkammer betreten werden konnte. Eine Pause trat ein, die die Geduld aller bis zum Zerreißen anspannte, als auf der Schwelle die zerstreuten Perlen einer Halskette gefunden wurden, die die Plünderer wahrscheinlich hatten fallen lassen. Während die Zuschauer voller Ungeduld auf ihren Stühlen rutschten, sammelte Carter mit der Beharrlichkeit des echten Archäologen, der selbst vorm Allergrößten das Allerkleinste nicht gering achtet, Perle für Perle sorgfältig ein!