Wenn Herr und Frau Jedermann sich über das wirtschaftliche Geschehen des letzten Jahres unterhalten, dann sprechen sie nicht von Währungsreform oder Geldneuordnung, sondern von „der Währung“ schlechthin. Daß der 20. Juni wirklich eine Zeitenwende darstellt, wird deutlich wenn man sich einmal vergegenwärtigt, nie häufig im Alltagsgespräch die Wendung „seit der Währung“ (oder „vor der Währung“) wiederkehrt. In den nun verflossenen zwölf Monaten hat die mit dem Tage X eingeleitete Entwicklung in schnellem Wechsel recht verschiedenartige Phasen durchlaufen. Unsere Leser mögen heute selber in ihrer Erinnerung nachprüfen, wie weit die kritischen Kommentare, die hier zu der mitunter geradezu dramatischen Entwicklung des wirtschaftlichen Geschehens gegeben worden sind, das Richtige getroffen haben. Jedenfalls kann Die Zeit“ mit einiger Genugtuung darauf verweisen, daß die Auffassungen, die sie, oft genug im Widerspruch zur jeweils vorherrschenden Meinung vertreten hat, im wesentlichen durch den weiteren Verlauf der Dinge gerechtfertigt worden sind und daß auf ihre Prognosen Verlaß war

Das gilt für die positive Antwort auf die Frage, ob eine Geldreform überhaupt mit Aussicht auf Erfolg durchzuführen sei, ehe nicht gewisse „Voraussetzungen“ erfüllt wären, und ob man es nicht überhaupt vorziehen solle, die Misere unserer Armut weiterhin unter dem „wohltätigen Schleier“ der Reichsmark-Inflation verborgm zu halten, anstatt die (angeblich) unvermeidbare Pferdekur einer Deflation durchzustehen, mit „sicherlich“ fünf bis sieben Millionen Arbeitsloser. Weite Kreise der Öffentlichkeit wurden irregeleitet durch solche Prognosen und durch die Propaganda für eine sogenannte „milde Lösung“ bei der 20 v. H. der Reichsmarkwerte in die neue Währung hinübergerettet werden sollten. Sie konnten oder wollten nicht glauben, daß hier wiederum nur mit pseudowissenschaftlichen Argumenten gearbeitet wurde und mit mehr als fragwürdigen Methoden obendrein – von Leuten, die teils als harmlose Ignoranten zu charakterisieren sind, gefährlich nur durch angemaßte Autorität teilt aber als wirkliche Scharlatane oder als bewußt auf eine inflationistische Entwicklung hinarbeitende Falschmünzer.

Das große Leserpublikum, künstlich in eine Deflationspanik hineingetrieben, ist erst verhältnismäßig spät zu der Erkenntnis gekommen, daß die ersten Monate nach dem 20. Juni im Zeichen der Übernachfrage standen, die sich überraschend schnell auf das Gebiet der Produktions- und der Luxus gut er hin erstreckte. So war nun sich, trotz aller Klagen über den Preisauftrieb, nicht hinlänglich klar darüber, daß als Gegenmaßnahme eine Kreditrestriktion unvermeidlich wurde – die übrigens an dieser Stelle bereits Mitte Oktober, und damit früher als anderswo, angekündigt worden war. Acht Wochen später setzte der Umschwung ein, der Übergang vom „heißen“ zum „knappen“ Geld: erwartet zwar, aber doch vielfach mit Skepsis aufgenommen, weil die Wirksamkeit der Restriktionspolitik zu lange von sogenannten Fachleuten bezweifelt worden war. Und wieder ein Vierteljahr später, alt neun Monate nach dem Tage X verstrichen waren, machte sich die erste Auflockerung der Restriktionspolitik notwendig. Jetzt, nach einem weiteren Vierteljahr, ist die Frage, ob die Flaute durch einen neuen, aus der Bereitstellung von Investitionskrediten herstammenden Auftrieb abgelöst werden könnte, aufzuwerfen – und zu bejahen.

Man soll die Feste feiern wie sie fallen, und man soll dies so tun, wie es dem Anlaß gemäß ist. Vor einem Jahr mag es in den Stammlokalen der Großschieber und der Koryphäen des Schwarzen Marktes turbulent genug hergegangen sein, als man da den Abschied von der Reichsmark feierte. Wer sich aber am kommenden Sonntag eine gute Flasche leistet (oder, wenn liebe Freunde und getreue Nachbarn mithalten, auch zwei und drei), um in einer besinnlichen Stunde das „Vorher“ und das „Nachher“ erinnernd an sich vorüberziehen zu lassen, mag wohl als ein verständiger Mann gelten. Er wird also nicht zu lärmender Fröhlichkeit geneigt sein, wird auch im Ablauf dieser letzten zwölf Monate keinen Anlaß zu Jubel und Trubel finden. Aber wir sollten uns selbst durch die mancherlei Sorgen, die auf Gegenwart und Zukunft lasten, die dankbare Freude an dem Erreichten nicht vergällen lassen. Und wenn wir nun, ihr Freunde, am kommenden Sonntag auf das einjährige Bestehen der neuen Währung anstoßen, so ziemt es sich, mit dem ersten Glase in Dankbarkeit des bei uns fast schon vergessenen Mannes zu gedenken, der die D-Mark geschaffen hat: auf Ihr Wohl, Mr. Tennenbaum!

Der Mann, der Mr. Tennenbaum kannte

In dem Jahr, das nun vergangen ist, haben wir nicht mehr viel von ihm gehört. Kurze Zeit nachdem er in die USA zurückgekehrt war, kam hier das Gerücht auf, er sei dort bei einem Autounfall ums Leben gekommen; erfreulicherweise ist das nicht so gewesen. Als „ganz vertrauliche Information“ wurde dann, im Spätherbst letzten Jahres, die Nachricht verkauft, er halte sich unter strengstem Inkognito in Frankfurt auf, um Bipartite wegen des Lastenausgleichs zu beraten. Das mag nun zutreffend gewesen sein oder auch nicht – jedenfalls haben die Besatzungsbehörden und unsere Kollegen von der Presse „drüben“ sich nie recht darum bemüht, dem Manne die Publicity zu geben, die er wie kaum ein anderer unter den Beratern der Generale verdient hätte. Nur ganz zufällig haben wir wieder einmal von ihm gehört. Das war damals, als der Mann, der Mr. Tennenbaum kannte, uns berichtete: wenn jener die Entscheidung über die zweite Kopfgeld-Rate (die Auszahlung der 20 DM also, zusätzlich zu den 40 DM vom 20. Juni) in Deutschland noch miterlebt haben würde, dann hätte er gewiß bitterlich geweint – und weiter: wenn er die Regelung für die Festkonten, die Anfang Oktober erfolgte (die „zweite Währungsreform“, wie M. Schönwandt das in seinem berechtigten Zorn einmal überpointierend genannt hat), mit seinem Namen hätte decken sollen, dann hätte er sich erschossen ...

Das Kuckucksei von Baden-Baden