Als Moskau in Angst und Schrecken lag... – Seite 1

I. Rote Hauptstadt im Chaos – Die Masken fielen – Ein Augenzeuge berichtet aus der Zeit der Belagerung

Von G. Andrejew

Die Sowjets wollen es heute anders wissen. Aber politische Propaganda hat meistens Unrecht. Nach bolschewistischer Darstellung hat die „heroische Haltung“ der Moskauer Bevölkerung, die „Barrikaden errichtete“ und „sich dem Feind entgegenwarf“, den entscheidenden Beitrag zur Rettung der Stadt geliefert, damals im Winter 1941/42, als die deutschen Armeen vor den Toren Moskaus standen. Uns ist nicht daran gelegen, die Gründe dafür zu untersuchen, daß die von aller Welt erwartete, erhoffte oder gefürchtete deutsche Siegesmeldung ausblieb. Uns liegt daran zu zeigen, wie im gleichen Augenblick, da die Macht der Sowjets in der russischen Hauptstadt gebrochen schien, die Masken fielen. Plötzlich trat zutage, wer sich wirklich dem roten Diktator Stalin und seiner Partei verschrieben hatte: Es waren nur wenige. Die Parallele zu den Ereignissen, die sich in Deutschland, dem Lande des braunen Diktators, während der letzten Kriegswochen abspielte, ist verblüffend. – Unser Tatsachenbericht stammt von einem Augenzeugen, einem russischen Schriftsteller, der die Konsequenzen aus seinen Erlebnissen zog und Sowjet-Rußland den Rücken wandte ...

In jenen Tagen führte ich auf Anordnung des Trusts, in dem ich arbeitete, die Liquidation eines Industrie-Unternehmens in einer Kleinstadt an der oberen Wolga zu Ende. Ich beeilte mich: die Stimmung war bei allen gedrückt wie in Vorahnung einer unvermeidlichen Katastrophe. Am 14. Oktober hatte ich meinen Auftrag erledigt und könnte abfahren. Heim nach Moskau...

Geflüsterte Gerüchte überall: Die Deutschen sind bereits in Kalinin, sie können in zwei oder drei Tagen in Kim und in Kimry sein. Dort brauchten sie nur die Hand auszustrecken und sie werden Moskau erreichen. Was wird aus Moskau werden?

Im äußeren Bild der Hauptstadt ist nichts von Unruhe zu merken: Hastende Menschen, die elektrischen Bahnen bimmeln wie immer, Autobusse schieben sich durch die engen Straßen. Aber als ich die Arbeitsräume meines Trusts betrete, der sich im Zentrum der Stadt befindet, werde ich von Staunen gepackt.

Die Türen und Fensterflügel sind weit aufgerissen, der Zugwind blättert in den auf dem Fußboden und Tischen in wüster Unordnung herumliegenden Papieren. Die Leute zerren mit beiden Händen hastig Aktenstöße hervor und werfen sie zum Fenster hinaus. Gegen mich prallt unser bis zur Kopfhöhe mit Aktenmappen beladener Kantinenmeister Wassjukow. Die Papierpyramide verliert das Gleichgewicht, kippt über und rasselt auf den Fußboden. Wassjukow, eine hagere Gestalt mit krankhaft blassem Gesicht, ehemaliger Flieger aus dem ersten Weltkrieg, ist Invalide und hinkt beträchtlich. Er gilt als wackerer Trinker und besitzt die Parteikarte als Kommunist. Aber sein offenes, ungekünsteltes Wesen hat mir immer gefallen, und wir sind befreundet.

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„Oh!“ schreit er, „der Liquidator ist wieder da! Du kommst gerade recht, wir liquidieren auch!“ Und er schleudert mit unverhohlenem Vergnügen seine Aktenmappen heraus, die mit peinlicher Sorgfalt jahrelang in den Schränken des Trusts aufbewahrt wurden. Im Hofschacht flimmert es von Papier. Unten schaufeln zwei Heizer alles zusammen, um es im Kessel zu verbrennen. „Papierkrieg“ aus!

Alle Akten über Bord!

Die Sekretärinnen und Stenotypistinnen beteiligen sich mit hektischem Eifer an der Aktion. Und ein Gedanke schießt mir durch den Sinn: Unser ganzes Staatsgebäude besteht aus „Akten“, „Berichten“, „Auskünften“. Sie bilden die Grundlage unseres Daseins! Das wird nun alles, alles über Bord geworfen – folglich ist es das Ende!

„Befehl“, sagt Wassjukow, „alle Dokumente zu vernichten!“

„Wo sind die Vorgesetzten? Ich habe Staatsgelder bei mir, ich muß sie übergeben.“

„Mache keinen Blödsinn“, lacht Wassjukow. „Wer rechnet hier noch über Staatsgelder ab!“

„Du bist verrückt! Wo ist Gorunoff?“

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Da sehe ich den Verwalter unseres Trusts, Gorunoff, in sein, Arbeitszimmer hasten. Früher dick wie ein Faß, ist er jetzt abgemagert, und der Mantel hängt ihm wie eine Kutte Ton den Schultern herunter. Ich begebe mich also in sein Kabinett, berichte, daß ich die Arbeit beendet, die Berichte über den Abschluß der Liquidation und zwanzigtausend Rubel mitgebracht hätte. Gorunoff wühlt nervös in den Schubladen seines Schreibtisches. „Sie sind fertig? Gut, sehr gut, prächtig! Die Berichte? Die Berichte haben Sie auch? Ja, aber es ist keiner da, der sie übernehmen könnte... und die Gelder... ja was soll mit dem Geld geschehen?... Also, geben Sie das Geld nicht ab, wir werden es selbst gebrauchen können... Wir haben Evakuierungsbefehl...“

Völlig unglaublich: Mein Vorgesetzter schlägt mir vor, die Staatsgelder nicht abzuliefern, den Betrag einfach zu unterschlagen. Aber das Geld stellte sich für uns alle als sehr nützlich heraus. Der Hauptbuchhalter erklärte, daß es ihm nicht möglich sei, die für unsere Ausreise vorgesehenen Gelder zu erhalten. Die Bank wurde unentwegt von Kassierern und Buchhaltern belagert, aber die meisten Bankbeamten hatten bereits die Flucht ergriffen, die Abwicklung kam nicht vom Fleck. Die Bankleitung setzte sich telefonisch mit der NKWD in Verbindung und bat um ein Schutzdetachement, da die aufgeregte Menge das Gebäude zu stürmen drohte. Der NKWD waren aber nunmehr alle Banken völlig gleichgültig: sie hatte mit der eigenen Evakuierung genug zu tun. Wie selig war unser Hauptkassierer, als ich ihm meine Staatsgelder gab. Evakuierungsgelder...

Im Trust hatte ich nun nichts mehr zu tun und beschloß, einen Spaziergang durch Moskau zu machen. In den wenigen Stunden, die ich in meinem Dienstgebäude verbrachte, hatte sich das Bild in den Straßen kraß geändert. Die Leute waren von Panik ergriffen. Vollbepackte Lastwagen sausten vorbei: auf Kisten und Ballen hockten Menschen. Viele Personenautos flitzten vorbei: die Insassen verbargen ihr Gesicht hinter aufgeschlagenen, hohen Pelzkragen... Auf der Mjasniczkaja, der Kleinen Lubjanka wirbelten im Winde weiße Papierfetzen und Asche: die Behörden verbrannten ihre Archive. Man sagte, daß selbst die NKWD ihre Akten „liquidiert“. An den elektrischen Wagen hingen lebendige Trauben – Leute, die zu den Bahnhöfen wollten. Aus den weit geöffneten Toren der Fabriken und Lagerhäuser strömten schwer beladene Lastwagen, und es war nicht schwer zu erraten, daß diese Karawanen in die Endlosigkeit der Ostgebiete entkommen wollten. Moskau war im Begriff, sich aufzulösen, die Menschen verließen die Stadt genau wie Ratten das untergehende Schiff!