Deutsche und österreichische Anleihen aus den zwanziger Jahren, auch Vorkriegsanleihen einiger osteuropäischer Staaten, erleben in Zürich seit Dezember 1948 eine erstaunliche Aufwärtsentwicklung, die gegen Ende Mai zu einem (inzwischen wieder etwas abgebauten) vorläufigen Höchststand geführt hat. Dies unerwartete Interesse für Papiere, die zum überwiegenden Teil noch vor wenigen Monaten für wertlos gehalten wurden, wird international beachtet. Der Züricher Korrespondent des „Statist“ kommentiert die Entwicklung mit den Worten: „Weitreichende Veränderungen von allertiefster Bedeutung für die gegenwärtigen finanziellen Beziehungen der europäischen Länder untereinander, die womöglich schon in naher Zukunft eintreten, werden durch dieses meteorische Ansteigen der Kurse vorgezeichnet.“ Das ist eine starke Sprache für ein Blatt, daß sich durch Zurückhaltung und vorsichtige Beurteilung auszeichnet.

Einige Kursangaben mögen das Aufsehen, das diese Entwicklung erregt hat. erklären:

Der tägliche Umsatz in Young-Anleihe-Stücken, der bisher bei 10 000 bis 20 000 sfr lag, erreichte jetzt 250 000 sfr täglich. Andere Studie, die bisher unverkäuflich waren, erreichen bis zu 50 000 sfr täglich.

Es sind keinerlei Äußerungen zuständiger Stellen darüber bekanntgeworden, ob die Bedienung dieser alten Anleihen in absehbarer Zeit wiederaufgenommen werden soll. Denn neben den politischen Hindernissen, die der Bedienung entgegenstehen, ist auch die Transferfrage noch unlösbar. Dennoch ist es klar, daß die Käufer, durch deren spekulative Aufträge die Kurssteigerung ausgelöst worden ist, davon überzeugt sein müssen, daß die Wiederaufnahme der Bedienung dieser Papiere in absehbarer Zeit möglich ist. Der „Statist“ sieht als einzigen Grand für diesen Optimismus die überraschend günstige Entwicklung in Europa seit der Jahreswende an, wobei neben der allgemein bekannten politischen Entspannung vor allem auch der Erfolg des ersten ERP-Jahres und der gute Start des intereuropäischen Verrechnungssystems bei der BIZ genannt werden. Die Gespräche über Währungsanpassung und freie Konvertierbarkeit wirken sich wohl gleichfalls aus.

Die günstige Entwicklung in Westdeutschland hat wesentlich dazu beigetragen, optimistische Erwartungen zu bestärken. Allerdings ist das Ziel, Deutschland wirtschaftlich selbständig zu machen, mangels der Möglichkeit der Eigenfinanzierung oder einer zureichenden eigenen Kapitalbildung (als Folge der vom „Statist“ als konfiskatorisch bezeichneten Steuern) eine Frage des Kapitalzuflusses aus dem Ausland, d. h. praktisch aus USA oder der Schweiz.

Auf dem Wege zu neuer Kapitalhergabe steht als Barriere das ungelöste Problem der alten Schulden. Die Schweiz hat seit 1947 wiederholt, vor allem anläßlich der Handelsvertragsverhandlungen, vergeblich versucht, diese Frage zu klären. Aber die Militärregierungen haben sich nicht einmal auf eine Erörterung des Problems eingelassen. Die deutschen Stellen haben demgegenüber wiederholt ihre Bereitschaft erklärt, die Bedienung der Anleihen und sonstigen Forderungen im Rahmen des finanziell Möglichen aufzunehmen. In der Schweiz ist man der Auffassung, daß hierfür auch die deutschen Ausfuhrerlöse verwendet werden sollten. Die Tatsache, daß der Ausfuhrüberschuß weder zur Bezahlung alter Schulden, noch (wegen der Weigerung der JEIA) zur Einfuhr schweizerischer Waren verwendet wird, hat die Schweiz, wie hier bereits ausführlicher berichtet wurde, zur Kündigung des Handelsvertrages veranlaßt.

In Schweizer Finanzkreisen, die am wirtschaftlichen Aufbau Deutschlands stärkstens interessiert sind, schwebt für die Regelung der alten deutschen Anleihen ein Verfahren vor, wie es 1947 in Italien angewendet worden ist. Die alten italienischen $-Anleihen wurden in drei neuen Anleihen zusammengelegt und konsolidiert, die 1977 auslaufen sollen. Die Schuldner alter Anleihen zahlen an die Staatsbank in Lire, die ihrerseits zu festgelegten, bis zu 3 v.H. des Anleihebetrages ansteigenden jährlichen Tilgungsraten in Dollar an die USA transferiert. Diese neuen italienischen Anleihen stehen bei 34 v. H.

Die Verhandlungen zwischen der Schweiz und den USA über die Liquidation der deutschen Vermögenswerte in der Schweiz, gemäß dem Washingtoner Abkommen von 1946, gewinnen angesichts dieser Entwicklung noch an Bedeutung. Aus zahlreichen Schweizer Pressestimmen geht hervor, daß die Schweiz sich des engen Zusammenhanges zwischen einer für den Gläubiger befriedigenden Regelung der Vorkriegsschulden und der Wiederherstellung des Eigentums an deutschen Auslandswerten deutlich bewußt ist. Die von Anfang an erhebliche schweizerische Opposition gegen die Liquidation des deutschen Vermögens erhält aus den Kreisen der Vorkriegsgläubiger und den am wirtschaftlichen Aufbau Deutschlands interessierten Gruppen erheblichen Zuzug. E. S.