Von Walther von Holländer

Achttausend Briefe an den Rundfunk lieferten Walther v. Hollander das Material zur Auswertung der Hörermeinungen.

Über den Besitz

Wenn der Kampf um die Gerechtigkeit und die Wahrheit, der tatsächlich in den Tiefen der Volksseele ausgefochten wird, das verehrungswürdig Positive in der Durchschnittsmeinung der Deutschen ist, so ist der Neid die Kehrseite dieser glänzenden Medaille des Gerechtigkeitssinnes. „Wenn Hunderttausende oder Millionen leiden“, so etwa lautet die biedere und verständliche Formel, „so sollen nicht Millionen in einer Form leben können, als wäre niemals Krieg gewesen.“

In der Tat geht es auch nicht an, daß nur ein Teil des Volkes den Krieg und seine Folgen bezahlt, und ein großer Teil von Schlauen, Gewandten oder auch von Räubern und Schwarzhändlern ein unbeschwertes Leben führt. Es geht nicht an, daß die Treffer und die Nieten in der Bombenlotterie (das ist ein ungewöhnlich verbreiteten Ausdruck) als endgültig hingenommen werden, Und die Klagen etwa der Hausbesitzer, die sich über die Lasten, über die Reparaturen, über die Flüchtlinge beschweren, wirken reichlich komisch, wenn man ihre Lage mit der Lage derer konfrontiert, die tatsächlich alles verloren haben.

Seltsamerweise gehören die Hausbesitzer zu den eifrigsten Brief Schreibern, und gerechterweise muß ich zugeben, daß bei einer bestimmten Klasse von Handwerkern der Besitz eines Hauses das Ergebnis einer Lebensarbeit ist, eine Altersversicherung darstellen sollte.

Aber es sollen hier nicht die Probleme des Hausbesitzes erörtert werden. Es soll auch nicht auf die Frage eingegangen werden, ob es im heutigen Deutschland noch oder schon wieder Besitzende geben darf, schon deshalb nicht, weil im Gegensatz zu früheren Zeiten in dieser Frage eine weitgehende Unsicherheit zu bemerken ist. So sehr nämlich viele Arbeiter zum Beispiel durch Erziehung und Überlieferung (vergessen wir nicht, es gibt bereits eine sozialistisch-marxistische Tradition) gegen jeden Besitz eingestellt sind, so sehr ist man durch die östliche Propaganda gegen Besitz und für den Allgemeinbesitz hellhörig und skeptisch geworden. Man ist zu 90 Prozent gegen den Großbesitz, zu, sagen wir, 60 Prozent gegen den Mittelbesitz, nahezu aber zu hundert Prozent dafür, daß der Tüchtige es zu etwas bringen darf.